«Ich schaue vorwärts»

«Ich schaue vorwärts»
Martin Friedlis Arbeitsplatz wurde so angepasst, dass er sich mit seinem Rollstuhl besser bewegen kann. / Bild: Veruschka Jonutis (vjo)
Serie «Eingeschränkt leben»: Vor 14 Jahren erlitt Martin Friedli einen Autounfall und sitzt seitdem im Rollstuhl. Trotz Einschränkungen steht er mitten im Leben.

An den ersten Monat nach seinem Autounfall hat Martin Friedli kaum mehr eine Erinnerung. Der damals 19-jährige Mann verletzte sich bei dem Selbstunfall so schwer, dass er seitdem im Rollstuhl sitzt. «Meine Eltern waren zu dem Zeitpunkt in Spanien in den Ferien. Als sie die Nachricht von meinem Unfall erhielten, fuhren sie 1000 Kilometer, um mich im Spital zu sehen. An meinen Körper seien unzählige Kabel und Schläuche gehangen, als ich auf der Intensivstation gelegen sei», berichtet Martin Friedli. Die Medikamente hielten den jungen Mann in einem künstlichen Koma. 

Nach dieser erste Phase musste ich alle Bewegungsabläufe neu lernen – vom Anziehen bis zum Duschen. 2006 war ich während neun Monaten im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil», erinnert sich Martin Friedli an seine lange Reha-Zeit. Als er aus der Klinik zurückkehrte, sei aber noch nicht wirklich selbstständig gewesen. «Meine Eltern hatten für mich die Wohnung im Parterre unseres Wohnhauses in Langnau umgebaut, damit ich mit dem Rollstuhl besser Platz habe und mir keine Hindernisse wie Bodenschwellen im Weg lagen. Trotzdem hatte ich in der Anfangszeit immer mein Handy dabei, um meine Eltern erreichen zu können, sollte ich aus dem Stuhl fallen oder sonst irgendwelche Schwierigkeiten haben», berichtet er. 

Martin Friedli hatte kurz vor diesem einschneidenden Erlebnis seine Ausbildung zum Metallbauer abgeschlossen und wollte nach der RS eine Weiterbildung zum Metallbaukonstrukteur antreten. Anstatt in die Rekrutenschule zugehen entschloss er sich 2007 die Weiterbildung in Angriff zu nehmen. 

Hindernisse im Alltag

Als Martin Friedli von seiner Reha heimkam, wurde er zum ersten Mal mit den Hindernissen und Schwierigkeiten im Alltagsleben konfrontiert. «In Nottwil ist alles für Rollstuhlfahrer ausgerichtet, ich war mir nicht wirklich bewusst, was mich erwartet. Plötzlich stellten für mich Trottoirränder, Treppen oder Absätze ein Hindernis dar – Kleinigkeiten, über die ich mir vor dem Unfall niemals Gedanken gemacht habe», sagt er. Auch habe er sich beispielsweise daran gewöhnen müssen, dass er beim Einkaufen nicht mehr auf die obersten Regalen greifen könne. Aber er habe gelernt, um Hilfe zu bitten, dabei helfe ihm, dass er «nicht aufs Maul gefallen sei» wie er von sich sagt. «Als ich in die Friedli Metallbau AG, den Betrieb meiner Eltern, wechselte, mussten auch hier bauliche Massnahmen getroffen werden, da ich mit dem Rollstuhl mehr Platz brauche. Meine Eltern bauten einen Lift ein, damit ich zu meinem Büro im ersten Stock gelangen kann. Auch sonst mussten einige Stolpersteine weggeräumt werden.» Er sei sich bewusst, dass er es einfacher gehabt habe als andere, die nicht die Chance haben, in einem Familienbetrieb einsteigen zu können. «Meine Familie stand immer hinter mir, das gab mir viel Kraft. Ich habe einige Menschen in der Reha kennengelernt, die nach ihrem Unfall von ihren Angehörigen fallengelassen wurden.» Da sei es schwierig, im Leben wieder Fuss zu fassen. 

Einschränkungen akzeptieren

Vor seinem Unfall spielte Martin Friedli Fussball und fuhr Ski auf einem fast professionellen Niveau. Erstaunlicherweise sei es ihm relativ leichtgefallen, zu akzeptieren, dass dies nun nicht mehr möglich war, erzählt er. «Es hat aber doch einige Jahre gebraucht, bis ich mich entschloss, wieder auf die Skipiste zu gehen. Ich hatte die Befürchtung, dass es mit einem Skibob nicht mehr das Gleiche sein würde.» Doch vor drei Jahren war es dann soweit. Mit einem Kollegen, der extra die Ausbildung zum Skibob-Begleiter gemacht hat, ging es nach langem wieder einmal den Berg runter. «Es war ein tolles Erlebnis und seither gehen wir drei-, viermal im Jahr nach Sörenberg.» Es gebe schon Momente, in denen er sich danach sehne, wie früher die Pisten runtersausen zu können – aber er habe gelernt, mit diesen Gefühlen umzugehen. 

Überfordertes Umfeld

Nicht mit allem gelang es dem 33-Jährigen, so gut zurecht zu kommen. «Ich habe wohl zwei Drittel meiner ehemaligen Freunde und Kollegen verloren. Vielen machte meine veränderte körperliche Verfassung Angst, sie wussten nicht, wie mit mir umgehen», bedauert er. Schon in der ersten Phase seiner Reha sei ihm aufgefallen, dass die Kollegen und die Familie mehr Mühe hatten, mit der Situation umzugehen, als er selber. Einen Teil führt er heute darauf zurück, dass er auf Grund der starken Medikamente diese Zeit fast wie in einem drogenähnlichen Rauschzustand erlebt habe. Dies habe die harte Realität für ihn abgefedert. Sein Umfeld musste hingegen den Tatsachen ungeschönt ins Auge blicken. 

Aber auch er musste sich einer unschönen Wahrheit stellen – selber wieder Autofahren. «Ich bin zwar als Beifahrer jeweils mitgefahren, aber ich brauchte drei Jahre, um mich wieder hinter das Steuerrad zu wagen», blickt Martin Friedli zurück. Er sei sogar extra zu der Unfallstelle hingefahren. «Ich habe dies gemacht, um einen inneren Frieden mit dem Unglück zu schliessen.» Heute ist er in einem auf ihn angepassten Wagen unterwegs, den er allerdings nur für längere Strecken benötigt. Für kurze Distanzen greift er auf sein elektrisches Swisstrack zurück, das er vor seinen Rollstuhl spannen kann.

Sechser im Lotto

Rückblickend ist Martin Friedli überzeugt, dass der Unfall nicht nur Einschränkungen oder Verzicht in sein Leben gebracht hat. «Ich liess mich dazu überreden, mich auf einer Online-Partnerplattform anzumelden – das hätte ich vorher nie gemacht. Aber so lernte ich meine heutige Frau kennen, das war wie ein Sechser im Lotto», sagt er . Eigentlich wollte das Paar dieses Jahr für die Flitterwochen nach Dänemark reisen, was nun leider aufgrund der aktuellen Reisebestimmungen nicht möglich ist. «Eines hat mich mein Unfall gelernt, ich nehme nichts mehr als selbstverständlich. Darum kann ich auch mit den aktuellen Einschränkungen durch die Schutzmassnahmen umgehen, das belastet mich kaum.» Er halte es hier so, wie er es grundsätzlich mache: Jammern helfe wenig und es sei besser, man akzeptiere seine Situation. «Natürlich habe ich auch Momente, wo ich mit meinem Schicksal hadere. Aber ich bin ein Mensch, der lieber vorausblickt als zurück.» 

Mittelweile arbeitet Martin Friedli seit 14 Jahren in der Friedli Metallbau AG in Langnau. Er schloss die Handelsschule und anschliessend den Technischen Kaufmann ab und hat 2018 die Geschäftsleitung übernommen. «Ich darf heute sagen, dass ich in meinem Leben angekommen bin.»