Sprudelnde Quellen, plätschernde Brunnen

Sprudelnde Quellen, plätschernde Brunnen
Vom Wasser des Brunnens beim Hotel Emmental profitiert auch der mächtige Rosskastanienbaum im Hintergrund. / Bild: zvg
Langnau: Waren sie früher überlebenswichtig, verbessern sie heute die Lebensqualität: die Brunnen. Im wasserreichen Oberemmental gibt es noch immer viele davon.

Bevor die Häuser fliessendes Wasser erhielten, war der Dorfbrunnen die einzige Trinkwasserversorgung. War man durstig, ging man zum Brunnen und hängte sich an die Röhre. Auch die Tiere, beispielsweise die Kühe und Pferde, wurden am Dorfbrunnen zweimal im Tag zur Tränke geführt.

Bei den Tieren achtete man darauf, dass das Wasser sauber war. Deshalb schrieben sogenannte Brunnenordnungen vor, wann die Tiere getränkt und wann gewaschen werden durfte. Bei vielen Brunnen floss das Wasser zuerst in ein grosses und dann in ein kleines Becken, das sogenannte «Sudeltrögli». Hier säuberte man Därme und stark verschmutzte Teppiche und Säcke. War die Arbeit verrichtet, zog man einfach den Stöpsel heraus und der Dreck verschwand im Ablauf.

Langnaus Wasserschloss

Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden nicht nur die Haushaltungen an die Wasserversorgung der Gemeinde angeschlossen, sondern auch die Dorfbrunnen. Langnau bezieht sein Wasser aus Grauenstein, einem Ort zwischen Trubschachen und Kröschenbrunnen. Dort gibt es grosse Wasservorkommen, so dass die öffentlichen Laufbrunnen nicht in Gefahr stehen, bei der nächsten Trockenperiode abgestellt werden zu müssen. «Auch in den trockenen Sommern hatten wir immer genügend Wasser», versichert Brunnenmeister Hanspeter Wüthrich.

Die Gemeindebrunnen sind lange nicht die einzigen im Dorf. Wer sich achtet, entdeckt an jeder Ecke und in vielen Gärten einen laufenden Brunnen, der von Privaten unterhalten wird. Ein besonders hübscher befindet sich an der Oberstrasse am Fusse des Dorfbergs. Er besteht aus einem kleinen Trog und einem modernen Stock. Das Wasser scheint direkt aus dem dahinterliegenden Berg herauszusprudeln, doch der Schein trügt. Walter Lüssi, der Besitzer des Brunnens, erklärt, dass das Wasser von
der gegenüberliegenden Talseite, der Hohwacht, komme. Das Wasser aus zwei Quellen fliesse im Tal unten zusammen, überquere via Brücke die Ilfis und wandere auf natürlichem Weg die Bernstrasse hinauf bis zur Oberstrasse. «Fünfzehn Grundstücke sind an der Quelle angeschlossen, beispielsweise auch der Brunnen der Raiffeisenbank. Die meisten lassen ihre Brunnen laufen, weil sie für das Wasser nichts bezahlen müssen», sagt Lüssi.

Geglücktes Manöver

Auch Brunnenmeister Wüthrich hat Freude an «seinen» Brunnen, allen voran am Doppelbrunnen auf dem Hirschenplatz (siehe Kasten). «Beim Brunnen vor dem Hotel Emmental achteten wir darauf, dass das Abwasser nicht sofort abfliesst, sondern zuerst ins Erdreich gelangt. Seitdem ist kein Tropfen mehr ins Kanalsystem geflossen, auch weil der Baum viel Wasser aufnimmt. Ein anderer Glücksfall ist der Brunnen im Äntelipark. Wie bei vielen Brunnen ist der Stock mit einer Eichel verziert, ein Symbol für Fruchtbarkeit. Vor ein paar Jahren haben wir den acht Tonnen schweren Steinbrunnen hierher transportiert, eine grössere Übung, die sich gelohnt hat», stellt der Brunnenmeister zufrieden fest.

Rege benutzt wird der Brunnen am Bärenplatz. Familie Ernst, die in der Nähe wohnt, erzählt: «Vom Frühling bis in den Herbst holen wir hier das Trinkwasser. Im Sommer ist es schön kühl – kälter als das Leitungswasser. Die Kinder gehen im Brunnen baden, und auch ich stehe gerne bis zu den Knien im Wasser und netze die Arme», schwärmt die Mutter von fünf Kindern. Der achtjährige Josiah nickt und meint, dass das Wasser manchmal schon sehr kalt sei. «Der Brunnen schafft gute Begegnungen», meint Mirjam Ernst abschliessend, «und hört man das Plätschern, wird einem leicht ums Herz.»

Durstige Elefanten und gegautschte Drucker

Der Doppelbrunnen am Hirschenplatz in Langnau hat schon manches Spektakel erlebt. Einen unvergesslichen Anblick
boten jeweils die Elefanten des Zirkus Knie. Auf dem Weg vom Bahnhof zur Kniematte stoppten sie jeweils vor dem Brunnen, um vor zahlreichem Publikum Wasser zu saufen.

Viele ausgelernte Schriftsetzer und Drucker werden nach der Abschlussprüfung gegautscht, das heisst mit den Kleidern in den Hirschenbrunnen geworfen. Und für unliebsame Personen, Nebenbuhler beispielsweise oder freche Journalisten, kannte man früher mit dem «Brunnetrögle» eine Methode, um die Gemüter abzukühlen.