Brachzeit

Kolumne:

Im Winter ist Brachzeit. Auch wenn der Schnee vielerorts noch auf sich warten lässt, ist im Februar nach wie vor eine Zeit des Ruhens: In der Erde ruhen Samen, Knollen und Zwiebeln; einige Tiere halten Winterschlaf oder verharren in der Winterstarre; Bäume und Sträucher stehen entlaubt da, ohne sichtbares Zeichen ihres Lebens.

Brachzeit: Dieser alte Begriff aus der Landwirtschaft fasziniert mich jeden Winter aufs Neue. Ursprünglich stammt diese Bezeichnung aus der Zeit, als die Bauern die Dreifelderwirtschaft pflegten. Abwechslungsweise lag stets eines der drei Ackerfelder brach, das heisst, es war unbebaut. So konnte sich der Boden erholen und war im drauffolgenden Jahr wieder fruchtbar. Obwohl die heutige Landwirtschaft keine Dreifelderwirtschaft mehr kennt, ruht nach wie vor das Land im Winter. Es ist eine Zeit des Wartens und der Ruhe, während die Natur neue Kräfte sammelt, damit -anschliessend wieder Neues wachsen kann.

Diese äussere Brachzeit ist für mich jeweils eine Einladung, selber innezuhalten und mich zu fragen, inwiefern ich von der Natur lernen kann. Als Menschen machen wir nämlich -gelegentlich die Erfahrung, was -passiert, wenn wir keine Ruhe- oder Brachzeit einschalten: Die Kräfte scheinen nur noch zu schwinden und es gibt Tage und Zeiten, in denen wir uns erschöpft fühlen. Gezwungenermassen muss dann eine Auszeit eingelegt werden.

Die Natur mit ihrer Brachzeit im Winter erinnert mich immer wieder aufs Neue, dass auch ich als Mensch Brachzeiten brauche. Zeiten, in denen äusserlich nicht viel läuft. Zeiten, in denen wir nicht effizient sein müssen. Zeiten, in denen die Kräfte neu -gesammelt werden können. Solche Zeiten können sehr verschieden -gestaltet sein, denn so unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich zeigt sich auch die Brachzeit im -Leben der Menschen: Manche trinken bewusst und in aller Ruhe nach dem Mittagessen einen Kaffee, andere -erholen sich beim Joggen nach der Arbeit oder beim Musizieren im -Verein. Wiederum andere lesen -Zeitung oder jassen zusammen mit anderen. Allen Brachzeiten gemein ist, dass äusserlich nichts Sichtbares -produziert wird, aber innerlich Neues entsteht.

Die Natur sammelt ihre Kräfte im Winter. Denn ohne die Brachzeit im Winter vermöchte die Natur im Frühling nicht von Neuem zu blühen. Nicht nur im Winter, sondern während des ganzen Jahres brauche ich Brachzeiten. Hierfür ist der Winter eine -Erinnerung.

13.02.2020 :: Sandra Schmid Fries