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Mehr als eine simple Kiste

Mehr als  eine simple Kiste
Sommerserie "Klingt gut!" - Cajon: «El CajÒn», verdeutscht das Cajon. Das vielseitige Instrument ist auf dem Vormarsch.

«Das Cajon ist vielseitig wie ein Schlagzeug, nur leiser.» Diese Beschreibung von Simon Boss klingt zuerst etwas übertrieben für ein scheinbar simples «Holzkistli». Doch wenn sich der 24-Jährige daraufsetzt und mit den Händen die frontale Schlagfläche bearbeitet, staunt der Laie, wie viele verschiedene Perkussionsinstrumente man herauszuhören meint. Besonders der etwas scheppernde Ton einer «Snaredrum», also einer kleinen Trommel, sticht hervor. Er wird durch metallene, sogenannte Snarespiralen an der Innenseite der Schlagfläche hervorgerufen. Andere Modelle besitzen durchgehende Saiten, die mit Schrauben verstellt werden können, um links und rechts jeweils unterschiedliche Resonanzen zu erzeugen. Teilweise sorgen Glöckchen für zusätzliche Effekte. Im Unterschied zu vielen anderen Trommeln besteht beim Cajon nicht nur der Korpus, sondern auch die Schlagfläche meistens aus Holz. Je nach Modell werden Ahorn, Birke, Lärche und weitere Holzarten verwendet. Gegenüber der Schlagfläche befindet sich die Resonanzfläche mit einem Loch. Dieses sorgt dafür, dass der Schall entweichen kann. Zwei Seitenwände, Boden und Sitzfläche vervollständigen das würfelförmige Perkussionsinstrument.



Fast unendliche Möglichkeiten

«Wir verkaufen Modelle ab rund 130 Franken», sagt Simon Boss. Der Burgdorfer arbeitet Teilzeit als Verkäufer in Pat’s Instrumentenshop in Rüegsauschachen. Zudem gibt er Unterricht in Schlagzeug und Cajon und spielt beides auch in verschiedenen Bands. Boss zieht ein mit Sitzkissen und Karbonschlagplatte ausgestattetes Exemplar hervor: «Das hier ist unser teuerstes Cajon. Es kostet 990 Franken.» Der Preis variiert je nach Grösse, Qualität und Material. Am preisgünstigsten sind Bausätze oder die kleine Schwester des Cajons, das Cajonito. Im Gegensatz zu den grösseren Modellen setzt man sich zum Spielen nicht darauf. Es wird entweder zwischen die Oberschenkel geklemmt oder man stellt es auf einen Tisch.

Cajons werden laufend weiterentwickelt. Inzwischen gibt es sogar Modelle mit zwei und mehr Schlagflächen, tragbare, um im Gehen zu spielen, und viele mehr. 

Dank seiner Anpassungsfähigkeit ist das Cajon für Musiker jeglichen Alters und verschiedenste Musikrichtungen geeignet. «Oft sind es hierzulande Schlagzeuger, die sich für ein solches Instrument entscheiden», erklärt Simon Boss und liefert auch gleich die Begründung: «Heutzutage spielen viele Bands ihre Stücke auch akustisch, also ohne elektrischen Verstärker.» Für solche Konzerte in kleinen Clubs ist ein normales Schlagzeug oft zu laut. Hier kommt das viel leisere Cajon zum Einsatz.

Um die gewünschten Effekte zu erzielen, sind allerlei Zubehör, so genannte «Add ons», erhältlich. Beispielsweise werden Schläger, Besen oder Bürsten zum Spielen eingesetzt oder man befestigt Perkussionselemente am Instrument. Es gibt aber auch Zusätze für die Befestigung an Fuss oder Hand. Manchmal werden mehrere Cajons zusammen kombiniert. Wie beim richtigen Schlagzeug kann das tiefe Bass-Cajon mittels Fussmaschine bedient werden. Ergänzend kommen auch «Shake Sticks», also Rasseln, und vieles mehr zum Einsatz.

Bei dieser Vielfalt erstaunt es nicht, dass Simon Boss in diesem leicht zu transportierenden «Chischtli» fast nur positive Aspekte sieht. Ein einziger Nachteil fällt ihm schliesslich doch ein: «Die Hände können nach längerem Spielen schmerzen.»

Sommerserie: Klingt gut
Wir stellen nicht ganz alltägliche Instrumente vor, beispielsweise nächste Woche die Bambusflöte.  Beitrag verpasst? Schauen Sie auf www.wochen-zeitung.ch/klingtgut
Als Sklaven begannen, auf Holzkisten Musik zu machen

Das Wort Cajòn ist Spanisch und bedeutet Kiste oder Schublade. Der Ursprung des Cajons reicht zurück in die Zeit, als afrikanische Sklaven in Peru schuften mussten. Weil ihnen dort das Musizieren verboten und die Herstellung von traditionellen Trommeln so gut wie unmöglich war, griffen sie auf eine leicht verfügbare Alternative zurück: Transportkisten für Obst oder Fisch. Diese hatten zudem den Vorteil, dass sie nicht auffielen. Wann genau die ersten Instrumente namens Cajon gebaut wurden, ist nicht ganz klar. Das erste Gemälde, auf dem ein Cajon abgebildet ist, stammt aus dem Jahr 1841 und wurde vom peruanischen Maler Ignacio Merino erstellt. Damals bestanden Cajons nur aus sechs Holzwänden. Eine davon war dünner und diente als Schlagfläche. Die gegenüberliegende Wand hatte bereits ein Loch für den Schall. Extras im Inneren fehlten hingegen noch.

Zur selben Zeit wie in Peru entwickelte sich auch in Kuba eine Cajon-Szene. Hier sollen Hafenarbeiter begonnen haben, auf verschieden grossen Transportkisten Rumba zu spielen. Später entstanden ebenfalls Cajons aus Holz. Nur die Bauweise variierte etwas gegenüber dem peruanischen Modell.  

Bald verbreitete sich das Instrument auf dem amerikanischen Kontinent. In den Siebzigerjahren fand das Cajon schliesslich den Weg nach Spanien, wo es sich rasch in der Flamenco-Szene etablierte. Von dort aus breitete es sich in den Neunzigerjahren nach ganz Europa aus. Auch in der Schweiz wird es immer beliebter. 

19.07.2018 :: Rebekka Schüpbach (srz)