Schüpfheim: Die Kantonsschule Schüpfheim/Gymnasium Plus wagt sich 50 Jahre nach 1968 an das Musical «Hair» und überträgt es in das Jahr 2018.
Seit 2012 bringen der Verein «Musical Plus» und die Kantonsschule/Gymnasium Plus regelmässig ein Musical auf die Bühne. Nach «die Böse und das Biest», «Cats» und «West Side Story» wurde nun «Hair» ausgewählt. Psychedelische Musik erwartet die Besucher im Moosmättili in Schüpfheim. überall sitzen die langhaarigen Hippies: am Boden, auf dem hohen Gestell und sogar auf der Zuschauertribüne, meditierend, allein oder in Gruppen.
Gedanke der Rebellion Gerome Ragni und James Rado liessen sich von der amerikanischen Hippiebewegung inspirieren, als sie das Musical «Hair» schrieben. Gesellschaftliche Autoritäten wurden in Frage gestellt, die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung beklagte die Rassentrennung und die Jugend den Vietnamkrieg. Aber was verbindet heutige Jugendliche mit den wilden 1968ern? Eine junge Darstellerin sprach es aus: «Es ist nicht unsere Zeit. Aber der Gedanke der Rebellion geht nie verloren. Es gibt ihn in jeder Generation.»
Mit «Love and Peace»-Rufen beginnt die Vorstellung. Das Orchester spielt die alten Melodien und dazwischen Sequenzen aktueller Songs. Der Tribe-Anführer Berger ist nicht zu bremsen: «Befrei dich vom digitalen Schwachsinn. Alles abgeben! Wir brechen den Status Quo und alle Regeln.» Die Hippies geben die Smartphones ab und singen «Gott ist gross. Liebe hat keine Grenzen». Wie ein Paukenschlag bricht danach wieder die Realität herein. Rassismus gibt es immer noch. Aber über Sexualität kann man offen sprechen.
Claude Bukowski, ein Junge vom Land, fühlt sich von der New Yorker Tribe-Clique angezogen. «Er ist gar kein richtiger Amerikaner und auch kein richtiger Entlebucher, er kommt aus Kastanienbaum», sagen seine Kollegen. Doch Claude spricht fliessend Englisch und Deutsch. Und er hat Probleme mit «Dad» und «Mum Trudi», die einen Putzfimmel hat. Etwas Richtiges lernen soll er und seine zerrissenen Jeans wechseln. Raum, Zeit- und Sprachebenen verwischen sich.
Liebe statt Krieg Im Fernsehen wird eine Reise nach Vietnam verlost. «Falsch», sagt die Regie, «das hatten wir schon. Jetzt ist Syrien dran. Das hat aber Donald schon gewonnen. Die nächste Reise geht nach Nordkorea.» Die Glückszahl wird gezogen, Claudes Geburtsdatum. «Herzliche Gratulation!» Das darf doch nicht wahr sein! Die Clique demonstriert «Peace now, Freedom now. Get out of Syria, make love, not war». Es nützt nichts, Claude muss zur Aushebung, weg von Kumpel Berger und den beiden Frauen Sheila und Jeanie. Hin- und hergerissen zwischen seinen Idealen, der Clique und seinem bürgerlichen Elternhaus sucht er verzweifelt nach Auswegen und erfindet immer wieder neue Ausflüchte. Das psychiatrische Gutachten attestiert ihm eine lange Liste von Störungen, hält ihn aber trotzdem für diensttauglich.
Claudes Abschiedsparty gleicht einer Klassenfete mit Fondue, Kaffee und Mohrenköpfen. Letztere haben es in sich. Der Drogentrip führt durch himmlische Sphären zu tiefen Gedanken über den Zustand der Welt und den Sinn des Lebens, durch Gewehrfeuer und Kugelhagel, zum «Dead-End», wie schon 1968.
Doch am Schluss verlassen die 2018er-Hippies singend die Bühne. Das Schlusslied «Let the sunshine in» klingt noch lange nach und lässt Hoffnung aufkommen. Könnte das Ende ein neuer Anfang sein? Dario Gut, einer der jungen Darsteller, drückte es so aus: «Es scheint ein grosser Knoten zu sein, den wir zu lösen versuchen.»