Zweimanualiges Cembalo nach Pierre Donzelague, Lyon 1716, nachgebaut von Mirko Weiss 2018. / Bild: Bettina Haldemann-Bürgi (bhl)
Trubschachen: Mirko Weiss hat sich auf historische Tasteninstrumente spezialisiert. Er baut alte Instrumente nach oder restauriert sie. Manche Instrumente leiht er für Konzerte aus.
Die Alte Musik erlebte einen Höhepunkt, als Mirko Weiss seine Ausbildung durchlief. Viele berühmte Ensembles wurden in den 70er-Jahren gegründet, beispielsweise John Eliot Gardiner mit seinen «English Baroque Soloists». Die Orchester interpretieren auf historischen Instrumenten die Musik vergangener Epochen neu. Mirko Weiss wuchs in Ludwigsburg bei Stuttgart auf und lernte an einer renommierten Berufsschule zuerst Möbelschreiner. Hier kam er mit dem historischen Instrumentenbau in Berührung, was für ihn wegweisend war. Er liess sich anschliessend zum Klavier- und Cembalobauer ausbilden, um sich fortan der Alten Musik und ihren Instrumenten zu widmen. Als junger Instrumentenbauer zog er in die Schweiz. Zuerst arbeitete er zwölf Jahre in Lugano, wo er mit Diego Fasolis, einem Schweizer Dirigenten und Barockspezialisten, oft im Radiostudio anzutreffen war. Dann zog es ihn in den Kanton Bern. 2010 kaufte er das ehemalige Schulhaus in Kröschenbrunnen. Die früheren Schulzimmer bieten genügend Platz für seine vielen Cembali, Hammerflügel und Tafelklaviere.
Ein oft nachgebautes Instrument
Mirko Weiss zeigt als Erstes ein Cembalo im Rohbau, einen länglichen, flügelartigen Kasten. «Das Modell für das Instrument, das ich bauen werde, ist hier zu sehen», sagt er und zeigt auf eine Farbfotografie, die ein altes, prachtvolles Cembalo zeigt. «Das Instrument steht in Lyon und ist schon oft kopiert worden. Pierre Donzelague hat es 1716 gebaut. Es ist eine geniale Konstruktion und umfasst volle fünf Oktaven.» Mirko Weiss zeigt auf die Schmalseite des rechteckigen Kastens, wo der Platz für die zwei Manuale (Klaviaturen) bereits vorbereitet ist. Nun geht der Instrumentenbauer zu einem fertigen Cembalo. Es hat nur ein Manual und sieht sehr zierlich aus. «Das ist ein italienisches Cembalo, das im Unterschied zu einem französischen Cembalo einfacher gebaut ist. Der Klang beeindruckt mit tiefen Bässen und fröhlicher, hoher Tonlage. Dieses Instrument leihe ich oft für Konzerte aus», berichtet Weiss weiter. «Morgen transportiere ich es nach Zürich, wo Rudolf Lutz, Leiter der J. S. Bach-Stiftung St. Gallen, darauf spielen wird.» Mirko Weiss gewährt einen Blick ins Innere des Instruments. Der schöne Anblick der Saiten im Holzkasten nimmt einen gefangen. «Für jeden Ton sind zwei Saiten aufgezogen, welche einzeln oder als Paar angezupft werden», erklärt der Fachmann. Wegen der unterschiedlichen Saitenlängen besitze der Resonanzkasten eine dreieckige Form (Flügel).
Saiten werden durch Kiele angerissen
«Beim Cembalo werden die Saiten nicht wie beim Klavier durch Hämmerchen angeschlagen, sondern durch Kiele angerissen. Früher verwendete man Federkiele dafür, heute Kunststoff», erklärt der Cembalobauer und zeigt ein Holzstäbchen, an dem der Kiel zwischen zwei roten Filzen (Dämpfern) befestigt ist. «Wird die Taste gedrückt, schnellt der Springer in die Höhe und der Kiel reisst die Saite an. Zwei weitere Saiten schwingen als Klangverstärkung mit. Beim Zurückfallen in die Ausgangsposition sorgt eine bewegliche Zunge dafür, dass sich der Kiel nach hinten neigt und die Saite nicht mehr berührt. Die beiden Dämpfer bringen die Saiten zum Verstummen».
Vielfältige Restaurierungsarbeiten
Anschliessend zeigt Mirko Weiss zwei Instrumente, die er gerade restauriert. Beim einen handelt es sich um einen Hammerflügel aus München von 1847, der normalerweise im Schloss Holligen steht. Beim anderen um ein englisches Tafelklavier von 1767 aus Privatbesitz. Resonanzboden neu leimen, Mechanik flicken, Hämmerchen mit Leder beziehen - Weiss nennt ein paar Arbeiten, die gemacht werden müssen. Dann kommt er auf das Tafelklavier zu sprechen, das früher ein beliebtes Hausmusikinstrument gewesen sei. Weil die Saiten nicht längs, sondern quer gespannt sind, brauche das Instrument weniger Platz. Es sei billiger als ein Flügel gewesen und habe in jede Stube gepasst. Zum Schluss setzt sich Mirko Weiss an sein Lieblingsinstrument, eine Kopie des berühmten Cembalos von Pierre Donzelague. Alles, vom Korpus über die Mechanik bis zu den Tasten, hat der Instrumentenbauer von Hand gemacht. Kürzlich war das Instrument an den Langnauer Kammermusikabenden zu hören. Neben Bach und Händel wurde auch ein Werk von Couperin gespielt, einem Zeitgenossen von Donzelague. Das Publikum war fasziniert, und am Ende des Konzerts kamen viele nach vorne, um das engelhafte Instrument zu bestaunen.