«Die Frauen blühen beim Basketball-Spielen richtig auf», freut sich der freiwillige Leiter Markus Schilt. / Bild: hol
Sumiswald: Jeden Mittwochnachmittag steht für die Menschen in der Kollektivunterkunft Sport auf dem Programm. Es geht um Spass haben – und Energie loswerden.
«Markus», fragt der Junge scheu, «ist heute Sport?» Markus Schilt bejaht. «Ich komme dann!», meint der Bube und hüpft davon.
Schilt sitzt an einem Tisch im Essraum der Kollektivunterkunft im Forum Sumiswald. Er ist einer der sieben freiwilligen Leitenden. «Der Sport soll ein Vergnügen sein für die Menschen hier, ein Ziel. Etwas, auf das sie sich freuen können», meint er. Jeweils am Mittwochnachmittag findet das Ange-bot statt, für zweieinhalb Stunden. Für die bis zu 40 Teilnehmenden wären drei bis vier gleichzeitige Leitende ideal, sagt Schilt. Heute werden sie zu zweit starten.
«Yeeeeah!», jubelt die wartende Gruppe Kinder und stürmt in die Turnhalle, sobald Schilt sie öffnet. Sofort wird der Raum zu einem riesigen Spielplatz. Nach und nach trudeln Teenager ein, junge Erwachsene, ein alter Mann. Manche gehen wieder. Ein paar Stillere sitzen am Rand. Die farbigen Linien auf dem dunkelgrauen Boden der Dreifachsporthalle leuchten, durch die Fenster sieht man den bewölkten Himmel. Farbe im Grau scheinen auch diese Stunden zu sein. «Die Menschen in der Unterkunft haben ein tristes Dasein», meint Schilt, «im Massenlager mit geteilten Waschräumen und Gemeinschaftsküche gibt es kaum Privatsphäre.» Beim Sport könnten sie Energie rauslassen. «Vor allem für die jungen Männer ist das wichtig, besonders im Winter.»
Talentierte Basketballerinnen
Das kollektive Aufwärmen hat Schilt aufgegeben. Es sei zu fest ein Kommen und Gehen. Man müsse flexibel sein als Leiter. Manchmal sei die Aufgabe herausfordernd, aber vor allem spannend. Und es komme viel zurück; immer wieder sei er zum Essen oder Tee eingeladen. «Ich möchte ihnen ein Lachen entlocken. Alle sollen auf ihre Rechnung kommen», meint Schilt. Am beliebtesten sei Volleyball; junge Erwachsene spielen selbstständig am anderen Ende der Halle. Eine zweite Gruppe spielt Fussball. Da hilft er manchmal mit. Er möchte sich auch selbst bewegen. Mit seiner Pfeife sorgt er für Fairness, schaut, dass nicht zu grob gespielt wird. «Nebenbei kann ich meine Sprachkenntnisse üben», meint er. Das Programm habe sich so eingependelt. Ein dritter Teil der Halle wird individuell eingesetzt, für Kinder oder Frauen, die kein Volley oder Fussball spielen wollen. «Kürzlich habe ich begonnen, da mit den Afrikanerinnen Basketball zu spielen. Sie sind richtig aufgeblüht», erzählt Schilt mit einem Strahlen, «und wirklich talentiert.»
Das Rezept funktioniert. Alle lachen, freuen sich. Trotz der schwierigen Geschichten und Leben, die hier parallel zu unserem gewohnten Alltag verlaufen, sind dies einfach Menschen in verschiedenen Entwicklungsphasen. «Spiel doch auch mit», meint der Leiter, und weist auf die Kiste mit den gesammelten Hallenschuhen, die man brauchen kann. Bälle fliegen, Kinder schieben sich in Wägelchen umher. Ein Bube fällt um, ein anderer hilft ihm, aufzustehen. Junge Frauen schauen zu kleineren Geschwistern oder ihren Kindern. Zwei Mädchen tanzen, eines spielt für sich allein mit Reifen. Ein rücksichtsvolles Chaos, in das die Leitenden Struktur bringen, schauen, dass nichts passiert, nichts kaputt geht. «Deshalb bräuchten wir mehr Leitende», sagt Schilt, «damit wir noch mehr auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehen könnten.»
Von Deutschkursen bis Kaffeetreff
Das Freiwilligenteam umfasst insgesamt 25 Personen, erklärt die Koordinatorin Jeannine Castelberg. Gemeinsam stellt es ein Wochenprogramm für die Menschen der Kollektivunterkunft zusammen und organisi-ert sporadische Einsätze wie Kleiderbörse, Bräteln ums Forum und Fahrdienste. Die Gruppe, bestehend aus Menschen der Region, sei ziemlich konstant und gut durchmischt. Gerade läuft ein Alphabetisierungskurs für zwei Frauen aus Afrika. Es gibt einen Kids-Treff, Stützkurse in Deutsch, die örtliche Jungschi, ein Malatelier für Kinder von externen Freiwilligen, ein Nähatelier und den Kaffeetreff. Dieser werde rege besucht und sei ein willkommener Treffpunkt ausserhalb des Forums: «Hier kommen die Geflüchteten auch mit Einheimischen in Kontakt und es entstehen gute Gespräche.»
2023, als das Asylzentrum den Betrieb aufgenommen hat, ist die Freiwilligenarbeit gestartet. Das Projekt ist getragen von politischer und kirchlicher Seite; Castelberg ist Dreh- und Angelpunkt, ebenfalls unentgeltlich. «Wir sind rasch ein grosses Team geworden», erzählt sie. Die Freiwilligen können sich engagieren, wo es ihnen entspricht. Sie selbst übernimmt auch persönliche Begleitung in administrativen Bereichen und belastenden Situationen: «Es ist wichtig für die Menschen, dass sie erzählen können, was sie erlebt haben und sie beschäftigt.»
Die ehemalige Pflegefachfrau wollte wieder einen Dienst an den Nächsten machen. So habe sie die Anfrage als Freiwilligenkoordinatorin gerne angenommen. Sie spüre grosse Dankbarkeit von den Geflüchteten. «Wenn ich sie im Dorf treffe, kommen sie auf mich zu und haben Vertrauen.» Die Arbeit nehme viel Zeit in Anspruch, sagt Jeannine Castelberg. Aktuell hat es über 200 Bewohnende, davon 49 Kinder. Für die Kinder würde sie gerne mehr Aktivitäten anbieten, aber es fehle an Ressourcen.
Die meisten warten auf den Asylentscheid. Ist dieser positiv und das Sprachniveau ausreichend, dürfen sie in eine Wohnung ziehen. Deshalb ist Unterstützung bei der Wohnungssuche und beim Zügeln gefragt. «Das Budget für die Ausstattung ist sehr klein», so die Koordinatorin, «allein ist es für die Geflüchteten schwierig, Möbel zu finden und zu transportieren.» Deshalb wäre sie froh um mehr Freiwillige, die einen Transporter fahren können und handwerklich geschickt sind.