Der Saal des Strick-Kinos ist voll besetzt. / Bild: keb
Langnau: Die Kupferschmiede lud zum ersten Strick-Kino in Langnau ein. Zahlreiche Besuchende sassen im vollen Saal mit Lismernadeln vor der Leinwand und strickten gemeinsam.
Stricken und gleichzeitig gemeinsam einen Film schauen war das Motto des ersten Strick-Kinos in Langnau. Die 110 Plätze des Saals in der Kupferschmiede waren restlos ausverkauft.
«Ich bin einfach nur geflasht», meinte eine Teilnehmerin, «so viele strahlende Gesichter, so eine heitere Stimmung.» Auch der Operateur des Kinos zeigte sich beeindruckt: «Was für ein schöner, friedlicher Anblick; ein volles Kino erfüllt von einem angenehmen Unterhaltungsgemurmel. Und», ergänzte er staunend, «obschon der Film erst in 20 Minuten startet, sitzen alle bereits strickend auf ihren Plätzen.»
Stricken und Wissen austauschen
«Früher war es das Lismerstübli», begrüsste Barbara Wüthrich die Anwesenden, «und heute Abend ist es das Kino. So bringen wir ein jahrhundertealtes Handwerk mit einer jüngeren Kulturform zusammen.» Geblieben sei das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Geschichten und einem ruhigen Rhythmus in einer lauten und schnellen Welt, fuhr sie fort.
«Die Menschen stricken schon seit langer Zeit», erklärte Wüthrich weiter, «so hat man Strickarbeiten aus dem alten Ägypten und aus dem Römischen Reich gefunden. Im Mittelalter sind Socken, Handschuhe und Kleider gestrickt worden.» Besonders Frauen hätten sich in Strickstuben getroffen, um sich Neuigkeiten zu erzählen oder Wissen auszutauschen. «Man plauderte aus dem Nähichäschtli oder eben aus dem Lismichäschtli», so Wüthrich. Während des Zweiten Weltkrieges strickten viele Frauen für die Männer an der Front, erzählte sie. In den Vereinigten Staaten stiess First Lady Eleanor Roosevelt dies unter dem Motto «Knitting for Victory» (Stricken für den Sieg) an. Oft sei die First Lady strickend oder ihren voluminösen Strickbeutel tragend fotografiert worden.
Treff für Anfängerinnen und Geübte
Vor vier Jahren haben Barbara Wüthrich und Ursula Brand den Stricktreff in Langnau gegründet. Einmal pro Monat treffen sich Interessierte seither in der Freizeitstätte, um zu stricken, etwas zu trinken und Gemeinschaft zu erleben. Mitmachen können sowohl Geübte als auch Anfängerinnen. «Es ist immer jemand da, der mir hilft, wenn ich nicht mehr weiter komme», erzählte eine Stricktreffteilnehmerin am Kinoabend. «Man kann kommen, ohne sich anzumelden», erklärte Wüthrich, «und selbstverständlich kann man auch häkeln oder sticken.»
Am Anfang seien vielleicht sechs Frauen gekommen. Seither habe sich die Zahl stetig erhöht. «Und jedesmal ist jemand Neues dabei. So kamen wir auf die Idee, diesen Strick-Kinoabend, zusammen mit Franziska Koeninger, zu organisieren.»
Lismen, um zur Ruhe zu kommen
«Seit meiner Pensionierung habe ich wieder mit Stricken begonnen, damit ich nicht so viel auf dem Handy herumscrolle», berichtete eine Dame, «und die Lismete kann ich in einer Tasche immer dabei haben.» Eine andere erklärte, sie finde es einfach eine gute Sache, mit anderen etwas zu teilen anstatt alleine im stillen Kämmerlein zu sitzen. «Ausserdem müssen gerade in der heutigen Zeit Herzsachen ohne Profitdenken auch ihren Platz haben.» Sie stricke, um zur Ruhe zu kommen, erklärte eine Dritte. «Dafür verarbeite ich gespendete Wolle zu Decken oder Kindersachen, die ich dann einem Flüchtlingsprojekt in Lesbos spende.»
Punkt halb acht wurde das Licht im Kino zur Hälfte gedimmt und das friedliche Murmeln wich einem leisen Nadelklappern, während der Film über die Leinwand lief. In der Pause konnte man sich an Selbstgebackenem erfreuen. Und nach dem Film wurde nochmals intensiv zusammen «gsprächlet».