Der Eisvogel fischt auch im Emmental. Renate Widmer aus Oberburg hat ihn fotografiert. / Bild: Renate Widmer
Emmental: Er lebt auch an Ilfis, Emme und grösseren Bächen. Nun wurde er zum «Vogel des Jahres» gekürt: Der Eisvogel. Um ihn zu treffen, braucht es Geduld und Glück.
Man hört ihn beim Starten, dann sieht man einen blauen Pfeil vorbeischiessen, und dann ist es vorbei», beschreibt Christoph Graber seine Begegnungen mit dem Eisvogel. «Manchmal sieht man ihn auch auf Ästen bei Schwellen hocken, zum Beispiel beim Eisstadion», erzählt der Hobbyornithologe. Gibt es ihn also im Emmental? Ja, sagt auch Renate Widmer aus Oberburg. Sie hat im Dezember 2021 ihren ersten Eisvogel im Dorfbach als «blauen Strich» gesehen. Darauf begann sie, Vögel abzulichten. «Seit ich ihn dann das erste Mal habe fotografieren können, sehe ich ihn. Überall dort, wo die Natur intakt ist.» Man müsse schon unheimlich stillhalten, sagt sie aber. Oft dauere es ein paar Stunden und vor allem sei die Begegnung nicht planbar. Christoph Graber arbeitet in der Freizeit für den Vogelschutz und nimmt an den Zählungen mit Birdlife Langnau für die Vogelwarte teil. Jeden Winter zählt er zweimal die Wasservögel. «In den letzten Jahren war der Eisvogel immer da», schwärmt er, «auf der ganzen Strecke der Ilfis, an der wir zählen, und auch an der Emme». Als er anfangs 90er-Jahre hergezogen sei, sei dies noch superselten gewesen. An der aktuellen Zählung vom 17. Januar wurden sogar zwei Eisvögel an der Ilfis gesichtet, freut sich Graber: «Das hatten wir noch nie!»
Ausguck und sauberes Wasser
Die farbenprächtigen Jäger brauchen klares Wasser, schreibt Birdlife, und genügend Sitzwarten wie Äste, Schilfhalme oder Steine. Widmer erzählt, sie habe einmal einen Ast über den Dorfbach gelegt, dort, wo sie den Eisvogel vermutete. Er kam tatsächlich und setzte sich, es habe keine zehn Minuten gedauert. Graber erklärt das Jagdverhalten: «Der Vogel hockt auf einem Ast. Wenn er einen Fisch bemerkt, taucht er blitzschnell kopfvoran ins Wasser. Er kann dabei nur ungefähr 60 Zentimeter tief tauchen.» Emme und Ilfis seien, was dies betrifft, ideal. Wenn das Ufer zufriert, können sie nicht mehr fischen, erklärt er. Deshalb leiden sie bei Eis oft Hunger. Rangerin Iris Baumgartner, die viel in der Natur unterwegs ist, weist darauf hin, dass Eisvögel ihre Beute am Stück verschlucken und nicht abbeissen können. Deshalb klopfen sie die grösseren Fische gegen den Sitzast, um sie zu betäuben oder zu töten, erklärt sie. Und Renate Widmer hat beobachtet: «Die Fische werden wegen der Schuppenrichtung kopfvoran verschluckt. Wenn der Kopf des Fisches vom Schnabel weg zeigt, weiss man, dass der Vogel jemand anderen füttert.»
Fischchen und Brutwände
Bei den Eisvögeln, die man an Ilfis und dem oberen Teil der Emme findet, handle es sich um Einzelvögel, meint Graber. Es seien junge Vögel auf Wanderschaft, die nach Futter suchen. «Sie brauchen genügend Fischchen in der richtigen Grösse», sagt er. Die Fische müssen klein sein, für die Erwachsenen vier bis sieben, für die Jungen vielleicht zwei bis drei Zentimeter gross. «Wenn sie Junge haben, müssen sie Fischchen in der passenden Grösse zu den Schnäbeln der Jungen finden», so Graber. Das Futterangebot wäre für brütende Familien an Ilfis und oberer Emme wahrscheinlich nicht ausreichend, meint er. Aber auch ein Ort für die Bruthöhle würde fehlen. «Die Ufer sind nicht geeignet. Es hat keine natürlichen Abrisse hier», erklärt Graber, «Eisvögel brauchen Steilhänge am Ufer mit mindestens einem Meter Höhe mit Lehm oder Sandstein, ohne Bewuchs, darin graben sie ihr Loch für die Jungen.» Das Substrat muss weich sein, erklärt Baumgartner, aber nicht zu weich, damit die Höhlen nicht zusammenfallen. Am liebsten hätten sie die Bruthöhle in der Nähe des Wassers. Es bietet Schutz vor Landfeinden. «Und wenn sie aus der staubigen und von den Jungvögeln verkoteten Brutröhre kommen, baden sie gerne im Wasser», erzählt sie. Die Brut sei sehr störungsanfällig, erklärt Graber weiter. «Wenn die Vögel aufgescheucht werden, verlassen sie die Brut bis zu drei Stunden lang, und in dieser Zeit sterben die Jungen.»
Natürliche Flussdynamik
Man könne sie ja nicht fragen, sagt Graber lächelnd, aber die Eisvögel im Emmental kämen wohl aus dem Naturschutzgebiet Ämmeschachen bei der Emme-Aare-Mündung. «Vor allem die Massnahmen dort haben wahrscheinlich geholfen, dass die Zahl der Eisvögel hier in der Region gestiegen ist», sagt Graber. Rangerin Baumgartner bestätigt, dass die Revitalisierungen im unteren Teil der Emme einen wichtigen Beitrag zur Förderung eines geeigneten Lebensraums leisten: «Prallwände und angerissene Böschungskanten, die durch die natürliche Dynamik des Flusses entstanden sind, bieten wieder Brutplätze.» In der ganzen Schweiz gibt es nur ungefähr 500 Brutpaare und der Eisvogel gilt als «verletzlich». Das grösste Problem ist der Mangel an Lebensräumen, schreibt Birdlife, ebenso die beeinträchtigte Wasserqualität, die Begradigung und Verbauung von Flüssen und Ufern sowie die Trockenlegung von Feuchtgebieten. «Eine Theorie besagt, dass die Eisvögel vor Tausenden von Jahren aus Asien nach Europa eingewandert sind», erzählt Christoph Graber. Ob dies stimme oder nicht - «ihn zu treffen ist sagenhaft und ein seltenes Glück», schwärmt er, «die Farben, der Pfiff vor dem Start, der Flug, machen einfach Freude.»