Mehr Hörerinnen und Hörer, aber auch einige Unwägbarkeiten

Mehr Hörerinnen und Hörer, aber auch einige Unwägbarkeiten
Das Sendestudio von Neo1. Dem Radioprogramm ist es nicht anzumerken, doch die Zeiten sind herausfordernd. / Bild: zvg
Emmental: UKW-Abschaltung bei der SRG, die anstehende Abstimmung über Medienge­bühren; bei den Radiostationen herrschen turbulente Zeiten. Auch Neo1 ist betroffen.

Die Schweizer Radiowelt wurde kurzerhand auf den Kopf gestellt. Durch die Einstellung der Radioprogramme auf UKW am 1. Januar 2025 hat die SRG drastisch Hörerinnen und Hörer verloren. Profitiert haben die Privatsender, dort sind die Zahlen seither in die Höhe geschnellt. Auch beim Regionalsender Neo1 kann sich die Geschäftsleitung über mehr Publikum freuen. Ungefähr 470'000 Hörende hat die SRG eingebüsst, wie viele davon haben zu Neo1 gewechselt? «Das hatte massiven Einfluss auf unsere Zahlen, wir haben einen Zuwachs von fast 20'000 Hörerinnen und Hörern», sagt Jüre Lehmann, Mitglied der Geschäftsleitung und verantwortlich für das Programm. Konkret wies die Firma Mediapulse - welche für die Erhebungen zuständig ist – für Neo1 im zweiten Semester des abgelaufenen Jahres 42'720 Hörende aus. 2024 wurden für denselben Zeitraum noch 26'330 gemessen.


Sorgenkind DAB+

Seit die Abschaltung von UKW von der Politik beschlossen wurde, lautete das Zauberwort DAB+. Die digitale Verbreitungsform von Radioprogrammen wurde von vielen Insidern von Anfang an kritisch gesehen. Neben der Tatsache, dass von den Konsumentinnen und Konsumenten neue Empfangsgeräte angeschafft werden müssen, wiesen Kritiker darauf hin, dass die Verbreitung nicht überall gewährleistet ist. So kann DAB+ in Betongebäuden teils kaum, in Kellern so gut wie gar nicht empfangen werden. In Krisenfällen bleibt Radio jedoch das Medium Nummer 1 für die Behörden, und deshalb ist eine flächendeckende Verbreitung unerlässlich. Und schliesslich sei DAB+ nicht mit anderen Systemen in den angrenzenden Ländern kompatibel, so die Gegner. Zum Beispiel könnten deutsche oder französische Sender nicht über dieses Format empfangen werden.


Die Kehrtwende

Im Dezember 2025 hat die Politik in einem Parlamentsentscheid die zuvor beschlossene UKW-Abschaltung zurückgenommen. Zum politischen Hin und Her sagt Lehmann: «Eigentlich war vereinbart, dass auch die priva-ten Sender Ende 2026 aus der UKW-Verbreitung aussteigen.» Die SRG sei vorausgegangen und habe die ganze Bugwelle abbekommen. Nun wird die SRG auf UKW zurückkehren. «Für uns ist klar, dass wir nach der Kehrtwende der Politik und damit dem Verbleib der Privat­radios auf UKW nicht auf diese Verbreitung verzichten können», sagt Mediensprecher Nik Leuenberger auf Anfrage. Wann dies der Fall sein werde, könne im Moment nicht gesagt werden. «Dies wird erst möglich sein, sobald der Bundesrat und das Bakom (Bundesamt für Kommunikation) die Umsetzung des Parlamentsauftrags konkretisiert haben», so Leuenberger.


Der Kampf um jeden Hörer

Besteht für Neo1 damit die Gefahr, dass die neu gewonnenen Hörenden wieder zurück zu den Programmen von SRF wechseln? Jüre Lehmann: «Bleiben werden jene, die uns neu- oder wiederentdeckt haben. Jene, die sich ein unaufgeregtes, sorgfältiges Lokalradioprogramm wünschen. Das versuchen wir zu bieten.» Die kommerzielle Leiterin Nadine Beer ergänzt: «Wir bilden den Lebensraum des Emmentals, des Oberaargaus, des Aaretals ab. Wir bieten unseren Hörenden und Werbepartnern Verlässlichkeit.» Dass die SRG ihren Verlust wettmachen will, liegt auf der Hand. Dazu nochmals Mediensprecher Leuenberger: «UKW ist ein emotionales Thema, das haben auch die Diskussionen im Parlament gezeigt. Und ein Teil unseres Publikums möchte Radio weiterhin über UKW hören. Das nehmen wir sehr ernst.» Die SRG wolle alle Hörenden, die abgesprungen sind, zurückgewinnen, so Leuenberger.


Initiative will Gebühren senken

Das andere grosse Medienthema ist die Volksinitiative «200 Franken sind genug», über die am 8. März abgestimmt wird. Sie verlangt, dass der obligatorische Beitrag an Radio und Fernsehen («Serafe-Gebühren») von heute 335 auf 200 Franken gesenkt werden soll (siehe Kasten). Neo1 erhält derzeit gut 1,7 Millionen Franken jährlich aus dem Gebührentopf. Würde eine Annahme der Initiative auch Neo1 betreffen? Jüre Lehmann winkt ab, denn das Begehren würde ausschliesslich die SRG ins Visier nehmen. «Wir könnten uns also eigentlich zurücklehnen und abwarten. Aber der SRG die Mittel zu halbieren, das halten wir für unsorgfältig und gefährlich.» Denn schliesslich produziere die SRG Formate in allen vier Landessprachen und garantiere damit die kulturelle Vielfalt. Doch ist die Ini­tiative nicht auch ein Ausdruck der Skepsis gegenüber den klassischen Medien? «Diese Tendenz ist spürbar. Weniger in der täglichen Arbeit als beim Beobachten der aktuellen Si­tuation.» Derzeit würden viele ungeprüfte Inhalte verbreitet und das verändere die Wahrnehmung, deshalb seien Medien, die nach klaren jour­nalistischen Kriterien arbeiten, heutzutage besonders wichtig, so Lehmann.


Es wird spannend

Die Radio- und Fernsehgebühren wurden bereits 2018 durch die sogenannte No-Billag-Initiative infrage gestellt. Damals sollten die Abgaben komplett abgeschafft werden. Das Stimmvolk lehnte das Anliegen mit einem Nein-Anteil von bemerkenswerten 71,6 Prozent ab. Doch die Unruhe der Medienschaffenden bei der jetzigen Initiative ist nicht unbegründet. Erste Umfragen sagen ein knappes Abstimmungsergebnis voraus. Am 8. März wissen wir mehr.

Die Volksinitiative «200 Franken sind genug»

Das Anliegen verlangt, dass der Bund künftig eine Abgabe von 200 Franken zur Finanzierung von Radio- und Fernsehprogrammen erhebt. Gegenwärtig sind es 335 Franken, weshalb die häufig verwendete Bezeichnung «Halbierungsinitiative» irreführend ist. Bei einer Annahme würden die heutigen Gebühren um 40 Prozent gesenkt. Ausserdem sollen Unternehmen ganz von der Abgabe befreit werden. Bereits 2024 kam der Bundesrat dem Initiativkomitee entgegen, indem er auf dem Verordnungsweg eine stufenweise Senkung auf 300 Franken beschlossen hat. Zudem sollen bis nächstes Jahr 80 Prozent aller Unternehmen von den Gebühren befreit sein. Den Initianten geht dieser Kompromiss nicht weit genug. Das Hauptargument der Befürworter ist die Entlastung der Bevölkerung und des Gewerbes von den Abgaben. Auch, dass durch die Zunahme der Bevölkerung automatisch immer mehr Geld in die Kassen der SRG gespült worden sei, wird vorgebracht. Die Gegner argumentieren, dass die SRG Garant für verlässliche Informationen sei. Im Fall einer Annahme würden Desinformationen und der Einfluss aus dem Ausland zunehmen, befürchten sie. Das Parlament empfiehlt die Initiative zur Ablehnung.

29.01.2026 :: Busche Frei (fbw)