Nein, der Januar ist nicht die neue kirchliche Fastenzeit. Diese fällt nach wie vor auf die Wochen vor Ostern.
Kirchliche Buss- und Festzeiten verlieren jedoch zunehmend an Bekanntheit, von Weihnachten einmal abgesehen. Dafür
boomen neue «Feiertage» wie Black Friday oder Singles Day, der Valentinstag oder der 1. April.
Der Januar ist schon seit jeher der Monat der guten Vorsätze und des Verzichts. Sprach man früher vom «Januarloch»
angesichts des leeren Portemonnaies nach den üppigen Festtagen, geht es heute fast ausschliesslich um Gesundheit und
Fitness. «Dry January»: ein Monat ohne Alkohol. «Veganuary»: ein Monat ohne tierische Produkte. Und ist Ihnen die
viele Werbung für Fitnessstudios im Januar schon aufgefallen?
Aber es ist vertrackt. Meistens schwinden die guten Absichten mit dem Fortschreiten des Monats. Wo stehen Sie heute,
am
22. Januar? Haben Sie bisher durchgehalten? Warten Sie sehnsüchtig auf den 1. Februar? Oder sind Sie so
angetan vom alkoholfreien, veganen Lebensstil und vom täglichen Training, dass Sie nach Monatsende weitermachen
wollen?
Wie öde wäre das, wenn jeder Monat, jede Woche, jeder Tag gleich wäre. Deshalb kennt unsere jüdisch-christliche
Tradition (und notabene auch andere Kulturen) seit Jahrtausenden Feiertage und besondere Zeiten. Sie unterbrechen
den Alltag und laden ein zum Feiern und zur Besinnung. Sie haben einen Anfang und ein Ende, sie strukturieren unsere
Zeit. Immer
wieder entdecken auch Menschen, die mit dem Glauben sonst auf Distanz gehen, die heilende Kraft der
Feiertage und der besonderen
Zeiten des Kirchenjahres. Diese basieren zum Teil auf jüdischen oder anderen Traditionen und decken eine grosse
Bandbreite an menschlichen Gefühlen, Befindlichkeiten und Erlebnisweisen ab. Gemeinsam die Festzeiten und deren
Reichtum neu entdecken: das wäre doch ein schöner Vorsatz für dieses Jahr.