Ein Vaterunser beim Lychleustein

Ein Vaterunser beim Lychleustein
Rund 1,80 Meter ragt der Lychleustein in die Höhe. An diesem Ort zwischen Alterswil und Möschberg haben gemäss Überlieferung die Leichenzüge einen Halt gemacht. / Bild: Bruno Zürcher (zue)
«In Stein gemeisselt» (5/5): Geschichten um einen Stein am Strassenrand. Und ein Blick auf den Umgang mit Verstorbenen früher und heute.

Wer vom Weiler Möschberg herkommt und Richtung Alterswil unterwegs ist, sieht ihn sofort: Auf einer Anhöhe am rechten Strassenrand steht er, der Lychleustein, unübersehbar, 180 Zentimeter hoch. Auffallend sind vier grössere in den Stein gehauene Löcher, und auf der Ostseite sind schlecht lesbare Inschriften erkennbar: «J755» und «HS». Während die Bedeutung der Löcher und von «J755» rätselhaft bleibt, gilt «HS» als Markierung für einen Grenzstein: Der Lychleustein könnte aus vorchristlicher Zeit stammen, sagt der Oberthaler Lokalhistoriker und Landwirt Thomas Schneider, habe dann aber in neuerer Zeit wohl als Grenzstein zwischen dem Stadtgericht Bern und dem Landgericht Signau gedient. Seit 1950 steht der Lychleustein per Beschluss des Regierungsrats unter Denkmalschutz; er darf also nicht weggeräumt werden.


Eine Sage mit Wahrheitsgehalt?

Was aber hat es mit dem Namen auf sich? War im Gebiet der Gemeinde Oberthal ein Toter zu beklagen, musste die Leiche auf den Friedhof in Grosshöchstetten gebracht werden. Ein langer, beschwerlicher Weg. Beim Lychleustein machte der Leichenzug halt, die Männer entledigten sich ihrer Hüte und die Trauernden sprachen gemeinsam ein Vaterunser. Deshalb wohl der Name «Lych-leu». Bis in die Sechzigerjahre war die Pause beim Lychleustein laut einem Artikel im Gemeindemagazin «Oberthal aktuell» noch gängige Praxis, sei dann aber später, als die Bestattungsunternehmen aufkamen, nicht mehr üblich gewesen. Im Zusammenhang mit Publikationen zum Lychleustein taucht auch immer wieder eine ähnliche Erzählung auf: «Gemäss einer Sage», berichtet Thomas Schneider, «hat einmal eine vermeintliche Leiche von Innen an den Sarg geklopft und konnte so gerettet werden.» Eine solche Geschichte gebe aus auch aus Eggiwil, und ei-gentlich sei sie gar nicht so unwahrscheinlich: «Damals mussten Tote innerhalb von drei Tagen beerdigt werden, und da kann es passiert sein, dass eine Person zu früh für tot erklärt wurde.»


Einst starke Konventionen

Früher war es üblich, dass Tote in ihrem Heim zunächst aufgebahrt wurden, damit man von ihnen Abschied nehmen konnte, sagt der für Oberthal und Grosshöchstetten zuständige Pfarrer Andreas Zingg. Das habe die dörfliche Gemeinschaft erwartet, damals seien die Konventionen noch stärker gewesen, eine Wahlmöglichkeit habe es nicht gegeben. «Man wusste, wer krank ist, wer gestorben war. Die Leute haben solche Nachrichten herumerzählt, zum Beispiel nach dem - für alle fast obligatorischen - gemeinsamen Kirchgang am Sonntag.» Nach der Aufbahrung eines Toten und dem Abschiednehmen sei der Sarg dann mit Ross und Wagen im Leichenzug zum Friedhof gefahren worden.


Heute jeder Tod ein Einzelfall

Ungefähr seit den 1970er-Jahren haben sich laut Zingg die Traditionen aber stark geändert: «Heute ist jeder Tod ein Einzelfall, in der Schweiz ist man sehr liberal, die Angehörigen können wählen, ob Erdbestattung oder Urne, und nach einer Feuerbestattung kann die Asche auch an einem ausgewählten Ort verstreut werden. Die meisten Verstorbenen werden heute kremiert, die Urne wird auf den Friedhof gebracht, und es gibt so etwas wie einen symbolisierten Leichenzug vom Friedhofseingang bis zum Grab. Nur die letzten Meter werden mit dem verstorbenen Menschen zusammen gemacht.» Auch die «alte Tradition» des Leichenmahls werde heute weniger beachtet. «Nur noch bei etwa zwei Drittel der Beerdigungen geht man zur Grebt, wie es im Bernbiet heisst», berichtet Andreas Zingg. Und auch die Funktion des Pfarrers hat sich verändert. «Früher war der Pfarrer nebst dem Gemeindepräsidenten die wichtigste Person in der Gemeinde», sagt Zingg, «er hat in der Kirche als verlängerter Arm des Regierungsstatthalters Erlasse aus Bern verkündet.» Heute aber sei der Pfarrer in einer ganz anderen Rolle, aus ihm sei ein «Dienstleister» geworden.

22.01.2026 :: Rudolf Burger (bur)