Eines der wenigen Weisstännchen, das etwas in die Höhe wachsen konnte – aber zigmal verbissen wurde. / Bild: Bruno Zürcher (zue)
Emmental: In immer weniger Wäldern können genügend junge Bäume nachwachsen, vor allem Weisstannen fehlen. Seit Jahren ein «rotes Gebiet» sind die Wälder im Kurzeneigraben.
«Keimlinge hätte es eigentlich genug», sagt Samuel Liechti und deutet auf den Boden. Überall erkennt man ein, zwei Zentimeter kleine Tännchen. Grössere «Grotzli» indes findet man fast gar nicht. Und wenn doch, sehen die Weisstännchen aus, als ob sie mit einer Tondeuse gestutzt worden wären. Sämtliche Ästchen sind Stummel. «Gravierend ist, wenn der Leittrieb vom Wild abgebissen wird. Dann versucht das Bäumchen, einen neuen Leittrieb zu bilden. Wenn dieser anschliessend wieder zerstört wird, geht das Tännchen ganz ein», hat Liechti die Erfahrung gemacht. Seit 30 Jahren ist er im Forstteam der Burgergemeinde Sumiswald tätig.
«Situation wird immer schlimmer»
«Seit 20 Jahren haben wir immer mehr Probleme damit, dass nicht genügend junge Bäume nachwachsen», berichtet er bei einem Rundgang in Wäldern des Kurzeneigrabens. Diese sind in der vom Kanton letzte Woche publizierten Karte, die den Einfluss des Wildes auf die Wälder zeigt, tiefrot markiert (siehe Kasten). «Das sind sie seit Jahren und es wird immer noch schlimmer», bilanziert Liechti. Während sich in vielen Wäldern des Kantons Bern vor allem Rehe an den jungen Weisstannen gütlich tun, stammen die Schäden hier vor allem von Gämsen. «Um einen vielfältigen Wald ermöglichen zu können, muss aus meiner Sicht der Bestand der Gäm-sen massiv reduziert werden», hält er fest. «Seit vielen Jahren können kaum Weisstannen in die Höhe wachsen. Das bedeutet, dass wir in 40, 50 Jahren keine grossen Tannen mehr haben – da wird eine ganze Generation fehlen.» Der Ausfall der Weisstanne ist arg, weil diese den Klimawandel eher verträgt. «Sie ist weniger anfällig für Hitzeperioden als Fichten, die vom Wild aber weniger beschädigt werden», erklärt er. Die Burgergemeinde Sumiswald, der 364 Hektaren Wald gehört, ist bekannt für ihre Plenterwälder; 2007 wurde sie mit dem Bindingpreis ausgezeichnet. Diese Wälder bestehen aus rund 60 Prozent Weisstannen, 25 Prozent Fichten und 15 Prozent Buchen.
Künftig weniger wertvolle Exemplare
«Unser Ziel lautet eigentlich, die Plenterwälder auszudehnen, aber das ist aktuell praktisch unmöglich», sagt der Forstwart. Weniger junge Bäume bedeutet für ihn auch, dass weniger schöne Exemplare nachwachsen, die den Betrieb der Burgergemeinde wirtschaftlich tragen. «Ich sehe hier keinen sogenannten Zukunftsbaum», sagt Liechti auf einer Fläche, auf der vor gut 26 Jahren der Orkan Lothar eine Schneise zog. Die Lücken füllen vielerorts Buchen, welche vom Wild verschmäht werden. «Brennholz ist gefragt, aber die Holzernte in unseren steilen Wäldern nicht billig. Nur der Verkauf von Sägereiholz bringt uns den nötigen Erlös.» Auf der Fläche stehen auch Douglasien, die nach Lothar gepflanzt worden sind und nun sechs, acht Meter gross sind. «Wir dachten eigentlich, dass die Douglasien, die hier gut wachsen, aus dem Schneider sind.» Doch an praktisch allen Stämmen ist die Rinde beschädigt oder rundum abgefegt – von Rothirschen, die seit einigen Jahren mehr und mehr auftreten. Um die Douglasien besser zu schützen, erstellen Liechti und seine Mitarbeiter nun einen zwei Meter hohen Schutzzaun. «Das gibt viel zu tun, auch weil er immer wieder kontrolliert werden muss. Aber es ist unsere einzige Möglichkeit.»