Der Stein, der seit 1949 unter Schutz steht, liegt auf dem Schallenberg. / Bild: Martin Burri (mbu)
«In Stein gemeisselt» (4/5): Der Gabelspitzstein gilt als Schauplatz einer blutigen Sage. Eine eingemeisselte Jahreszahl und zwei gekreuzte Gabeln passen zur Erzählung um einen Totschlag mit Mistgabeln. Doch die Inschrift könnte auch einen anderen Ursprung haben.
Nahe an der Strasse, die über den Schallenbergpass führt, unweit des Restaurants Gabelspitz, liegt auf einer Weide ein Findling. Dieser Stein wird seit 1949 im Verzeichnis der Naturdenkmäler geführt. Der sogenannte Gabelspitzstein ist aber mehr als ein markanter Felsblock: Er ist Schauplatz einer alten Sage, die bis heute bekannt ist. Die Überlieferung, die der Berner Schriftsteller, Schulinspektor und Lehrer Herrmann Wahlen 1941 festgehalten hat, erzählt folgendes: «Zwei Brüder (...) sollen beim Mistzetten wegen eines Mädchens in Streit geraten sein. Dabei erstach der jüngere den ältern im erbitterten Kampf an dieser Stelle mit seiner Mistgabel.» Die in den Stein eingemeisselte Inschrift - zwei gekreuzte Gabeln und die Jahreszahl 1595 - soll an dieses Geschehen erinnern. Doch ist an dieser Überlieferung etwas Wahres dran?
Geschichten, die warnen
«Eine ähnliche Geschichte dürfte sich in der Region tatsächlich ereignet haben», vermutet Hasib Jaenike von der Mutabor Märchenstiftung mit Sitz in Trachselwald. Sagen, so Jaenike, erzählten von vergangenen Ereignissen: Sie besässen einen wahren Kern, seien aber mit fiktiven Elementen ausgeschmückt. Typisch seien ihre starke, lokale Verankerung sowie eine kurze, nüchterne Erzählweise. Unglücke und Katastrophen gehörten meistens zum Inhalt, erklärt der Experte weiter. Und: «Anders als Märchen enden Sagen ohne Auflösung, ohne glückliches Ende.» Eine Sage sei denn auch nicht zur Unterhaltung gedacht, sondern erfülle in erster Linie eine mahnende und warnende Funktion. Eine solche erkennt Hasib Jaenike auch in der Gabelspitzsage. «Die Geschichte zeigt, welche Folgen Neid, Groll und Missgunst haben können.» Der Streit um eine Frau sei ein klassisches Motiv, nicht aber dessen tödlicher Ausgang. «Diese Sage soll die Gemeinschaft daran erinnern, dass es nicht so weit kommen darf.»
Erinnerungs-, Grab- oder Marchstein?
Welche Rolle spielt in der Geschichte nun der Gabelspitzstein? Trägt er tatsächlich eine Jahreszahl, die auf ein solches Ereignis hinweist? Oder ist es gar der Grabstein der beiden Rivalen, wie es in der Version von Fritz von Gunten heisst? Der Autor hat die Sage 2008 in seinem Buch «Sagenhaftes Emmental» neu erzählt. Oder regte die Inschrift bloss die Fantasie der Menschen an und führte dazu, dass die Sage über Generationen weitererzählt wurde? Von letzterem geht Johann Riedweil aus. Der emeritierte Statistikprofessor und Hobbyhistoriker hat sich in seinem Buch «Rund um Röthenbach in alter Zeit» mit verschiedenen Quellen zum Ursprung des Gabelspitzsteins auseinandergesetzt. Er kommt zum Schluss, dass der Stein ein Marchstein gewesen sei, der die Grenze zwischen verschiedenen Alpen oder Gemeinden markierte.
Merkmale eines Marchsteines
Bereits im 19. Jahrhundert äusserten laut Riedweil Forscher Zweifel an der sagenumwobenen Deutung der Inschrift und vermuteten, dass es sich dabei um ein altes Rechts- und Grenzzeichen handeln könnte. Tatsächlich trug der Stein früher verschiedene Namen und erscheint auf alten Karten als markanter Orientierungspunkt (s. Bilder). Ein Hinweis für diese Theorie ist laut Riedweil auch, dass die Marchsteine auf der Gabelspitzalp im Jahr 1858 systematisch nummeriert wurden. Noch heute sind einige dieser Grenzsteine erhalten, mehrere auch nur mit einem Kreuz statt mit einer Zahl versehen. Auch der Gabelspitzstein weise typische Merkmale eines Marchsteines auf: zwei eingemeisselte Kreuze, wie sie in Grenzbeschreibungen bereits vor 1600 erwähnt wurden, sowie Markierungen zur Angabe der Nordrichtung. So könnte nebst dem Buchstaben N auch der Strich neben der Zahl die Nordrichtung andeuten. Dass diese heute nicht mehr korrekt ausgerichtet sind, sondern eher gegen Osten zeigen, lässt sich laut Riedweil dadurch erklären, dass der Stein beim Bau der Schallenbergpassstrasse um 1900 versetzt wurde. Der Ursprung der Zahl lasse sich nicht abschliessend klären.
Nach dem Schwingfest totgeschlagen
Auch ohne genau zu wissen, woher die Inschrift des Steins stammt, trage eine solche markante Örtlichkeit dazu bei, die Sage lebendig zu halten, sagt Hasib Jaenike. «Dass sich die Sagen im Laufe der Zeit weiterentwickeln und auch umgestaltet werden, ist ein normaler Prozess», fügt er an. Das zeigt sich auch in der Version von Fritz von Gunten, die sich im Gegensatz zur knappen Aufzeichnung von Herrmann Wahlen blumig und dramatisch liest. Wie kommt von Gunten dazu? «Als ich die Sagen für mein Buch zusammengetragen habe, war es diese Version, die mir in der Region weitererzählt wurde», sagt er dazu. In der ausgeschmückten Überlieferung sind es die Knechte Christen und Ruedi, die um die Bauerntochter Änneli buhlen. Nach einem hitzigen Kampf an dem Schwinget der Herbstchilbi kommt es kurz vor Alpabfahrt zur Tat: «Plötzlich hebt Christen seine Mistgabel, stürzt in wahnsinnigem Hass auf Ruedi und stösst ihm die Zacken in den Leib. Ruedi seinerseits konnte im letzten Lebenskampf auch Christen mit der Gabel so verwunden, dass beide den Verletzungen erliegen (...). Die beiden wurden am Tatort begraben», heisst es in der Schilderung.