Daniela Nyffenegger (links) bei einer Übung mit Sanne van Schagen, Physiotherapeutin in Ausbildung. / Bild: Remo Reist (rrz)
Lützelflüh: Pro Jahr werden in der Schweiz um die 11'000 Kreuzbandrisse verzeichnet. Ein Forschungsprojekt will dazu beitragen, die Wiederverletzungen zu reduzieren.
Es ist der Albtraum vieler Sportlerinnen und Sportler: Nach langer Rehabilitation und bestandenen Tests kehren sie endlich zurück in ihren Sport – um sich kurz darauf das vordere Kreuzband erneut zu reissen.
«In der Schweiz erleiden pro Jahr rund 11´000 Menschen einen Kreuzbandriss», erklärt Daniela Nyffenegger, Inhaberin der Physiotherapie Aemme in Lützelflüh. Sie hat die Praxis vor gut einem Jahr von Manuel Deucher und Peter Borner übernommen. Im Jahr 2023 verursachten diese Verletzungen Kosten von 124 Millionen Franken. Selbst nach erfolgreicher Operation und konsequenter Physiotherapie kommt es häufig zu Wiederverletzungen. «Die Folgen sind erneute Operationen, Ausfallzeiten im Beruf sowie im Sport und ein deutlich erhöhtes Risiko für eine verfrühte Kniearthrose», so Nyffenegger.
Gestörtes Zusammenspiel
Genau hier setzt das Forschungsprojekt «Sustainable Knee Health» an, das seit Februar 2024 an der Berner Fachhochschule läuft. Nyffenegger arbeitet mit 20 Prozent als wissenschaftliche Mitarbeiterin an dem auf drei Jahre angelegten Projekt mit. Damit sei für sie eine Vision Wirklichkeit geworden, sagt sie. «Mit meinem eigenen Betrieb und der Mitarbeit an diesem Forschungsprojekt kann ich Praxis und Wissenschaft kombinieren.»
Trotz operativer Versorgung des vorderen Kreuzbandes, erfolgter Rehabilitation sowie erfüllter Kriterien für die Rückkehr zum Sport, komme es oft zu Wiederverletzungen, erklärt Nyffenegger. «Ein möglicher Grund könnte sein, dass sensomotorische Defizite zurückbleiben. Das bedeutet, dass das Zusammenspiel zwischen Hirn und Muskel gestört ist.» Das Knie reagiere nicht mehr richtig auf die Umgebung – reflexartige Bewegungen funktionierten nicht mehr optimal. Das Ziel des Forschungsprojekts sei es, die physiotherapeutische Rehabilitation so zu optimieren, dass diese messbaren Defizite besser reduziert werden können.
50 Probanden im Bewegungslabor
Das Forschungsteam um eine doktorierende Physiotherapeutin und den Leiter des Bern Movement Lab untersucht insgesamt rund 50 Probanden. «Alle kommen zu einer drei- bis vierstündigen Messung», erklärt Daniela Nyffenegger. Dabei würden Gehirnaktivität und Muskelaktivität gemessen – und zwar bei verschiedenen Aufgaben: Gehen auf dem Laufband, Reflextests des Knies, Treppengehen, Gleichgewicht mit offenen und geschlossenen Augen, Sprünge in die Weite und in die Höhe. Nach dieser ersten Messung würden die Probanden in zwei zufällige Gruppen eingeteilt. «Die Kontrollgruppe führt ihr Leben weiter wie bisher – mit Physiotherapie, Training und körperlicher Aktivität. Die Interventionsgruppe absolviert während acht Wochen ein eigens zusammengestelltes Training für das Nerv-Muskel-Zusammenspiel.»
Gezieltes Training zur Rehabilitation
Nyffenegger erklärt den Unterschied zu herkömmlichen Therapien. «Das Trainingskonzept basiert auf aktuellen Theorien, wie Bewegungen erlernt werden. Wir arbeiten mit unbewusstem Lernen, bei dem die Aufmerksamkeit auf äussere Ziele gerichtet wird, und mit vielfältigen Trainingsmitteln.» Konkret bedeute das: Veränderungen der visuellen Bedingungen, Reaktion auf unerwartete Störungen sowie die Kombination von Bewegungs- und Denkaufgaben. «Durch schrittweise Steigerung der Belastung und die Berücksichtigung individueller Vorlieben wird eine auf den Patienten zugeschnittene Trainings-Therapie gewährleistet.»
Diese Trainingseinheiten finden für Probanden aus der Region in der Physiotherapie Aemme statt. Bei dieser Begleitung finden keine Messungen statt, sondern das physiotherapeutische Training, das die Studie auf seine Wirkung untersucht. Nach den acht Wochen Training oder Kontrollzeit gehen alle Testpersonen zu einer zweiten Messung mit genau derselben Untersuchung wie zu Beginn. Erste Erkenntnisse des Projekts werden im Jahr 2027 erwartet.