Buchbinderin Andrea Neuenschwander bedient eine historische Maschine zum Prägen. / Bild: Christina Burghagen (cbs)
Langnau: Die Buchbinderin Andrea Neuenschwander hat das Atelier Aegerter nach vielen Jahren geschlossen. Doch Bücher binden und retten bleibt ihre Leidenschaft, bald in Ranflüh.
«Ein Buch kann man fast immer retten!», sagt Andrea Neuenschwander. Die Buchbinderin führte bis Ende Jahr das Atelier Aegerter in Langnau. Sie ist Handwerkerin aus Leidenschaft und sieht jedem in die Jahre gekommenen Buch an, wie sie es «heilen» kann. Als Buchbinderin sei es ihre Aufgabe, bei alten Büchern den Zerfall zu stoppen. Es wird auch geheftet und Buchrücken wieder in Position gebracht. «Wir setzen Bücher instand», erklärt sie. Reparaturen gehören zum Beruf; das Restaurieren aber sei ein anderes Berufsbild.
Die Inhalte von Büchern und Dokumenten seien für sie tabu, erklärt die Fachfrau: «Das geht mich nichts an und ist Vertrauenssache.» Denn gebunden würden auch Tagebücher oder Dokumente, die Besitzverhältnisse verrieten. «Mein Beruf lebt davon, Freude zu machen, wenn ich jemandem das Resultat meiner Arbeit in die Hände lege», meint die Handwerkerin. Der ideelle Wert eines instandgesetzten Buchs oder Dokuments könne grenzenlos sein.
Kulturgüter erzeugen und retten
Buchbinden erfordere eine Kombination aus handwerklichem Geschick, technischem Verständnis und kreativer Vorstellung, erklärt die Fachfrau. Bei der Herstellung von Druckerzeugnissen wird aus Einzelblättern durch Falzen, Schneiden und Binden ein vollständiges Werk erschaffen.
Die Gestaltung kann Teil der Arbeit sein – von der Auswahl des Papiers bis hin zur Verzierung des Einbands. Es bedarf einer gründlichen Ausbildung und Wissen über eine Vielzahl von Techniken und Materialien wie Bindungsarten, Papierqualität und Veredelungsmöglichkeiten. Gearbeitet wird mit Leder, Papier, Leim und Werkzeugen, um Bücher handwerklich perfekt herzustellen.
Ist die Nachfrage nach gedruckten Werken in der digitalen Welt nach wie vor da, das Berufsbild noch relevant? Verlage, Druckereien, Bibliotheken, Museen und Sammler seien auf die Arbeit von Buchbindern angewiesen, meint Neuenschwander. Das Handwerk helfe, ein Kulturgut zu erschaffen und erhalte Langlebigkeit und Wert von Büchern. Ihr Berufszweig schrumpfe zwar, «aber das Buch ist seit Anbeginn die wichtigste Informationsquelle und wird es bleiben. Auch Handgeschriebenes behält seinen Wert», sagt sie überzeugt.
Ein Handwerk im Wandel der Zeit
Die Geschichte des Buchbindens reicht bis in die Antike zurück, als erste Bücher auf Papyrus geschrie-ben und mit einfachen Techniken wie der Rolle oder dem Falz zusammengehalten wurden. Nach der Erfindung des Papiers im Mittelalter begannen Mönche, Bücher zu binden. Im Laufe der Jahrhunderte wurde dies zu einer Kunstform. Die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg 1440 legte den Grundstein für die Produktion von Büchern und die Verbreitung von Wissen. Es entstanden verschiedene Bindetechniken und Stile.
Im 19. Jahrhundert revolutionierte die Leimbindung die Bücherwelt. Der neue Standard ermöglichte es, Bücher effizienter herzustellen. Ihre Massenproduktion führte zu einem Boom der Buchindustrie. Der technische Wandel der letzten Jahrzehnte revolutionierte das Berufsbild erneut. Moderne Maschinen verwandelten die Bindereien in Industriebetriebe mit effizienter und technisierter Produktion.
Heutzutage ist die Ausbildung zum Buchbinder in der Schweiz klar geregelt. Das Berufsfeld heisst nun Printmedienverarbeiter und vereint vier verschiedene Fachrichtungen. In jüngster Zeit wurde zudem eine zweijährige Ausbildung zur Printmedienpraktikerin geschaffen.
Erleben durch Fühlen und Tasten
Wie fühlt sich ein Buch an? Dieses haptische Erleben ist Neuenschwander ebenso wichtig wie das Schreiben mit der Hand, anstatt schnell zu tippen. Diese Leidenschaft verfolgt sie weiter, auch wenn es das Atelier Aegerter nicht mehr gibt. Ab Juni geht sie ihrem Beruf im neuen Atel-ier Anne (An für Andrea, Ne für Neuenschwander) in Ranflüh weiter nach. Dort wird sie Buchbindearbeiten und Instandsetzungen entgegennehmen. Bis Ende Januar findet im Atelier Aegerter ein Abverkauf des Ladensortiments und Teilen der Ladeneinrichtung statt.