Mit Talent gesegnet und todunglücklich

Mit Talent gesegnet und todunglücklich
Karl Stauffer-Bern, Selbstbildnis. / Bild: zvg
Trubschachen: Karl Stauffer-Bern erlangte als Maler und Radierer technische Perfektion und Berühmtheit. In der Liebe dagegen hatte er weniger Glück. Er wurde nur 33 Jahre alt.

Karl Stauffer kam am 2. September 1857 im Pfarrhaus in Trubschachen zur Welt. Es soll ein stürmischer Tag gewesen sein, erzählte Thomas Pfis-ter anlässlich eines Filmvortrags im Murhoferhus Trubschachen. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm «Der Fall Karl Stauffer-Bern» aus dem Jahr 1968. Thomas Pfister erinnert sich an die Dreharbeiten, die er als Bub miterlebt hat: «Die Feuerwehr musste Wasser auf das Dach des ‹Himmelhauses› spritzen, um den Regen zu imitieren.»

Auch wenn die Familie nur drei Jahre in Trubschachen blieb, darf sich das Dorf rühmen, Geburtsort eines grossen Künstlers zu sein. Stauffers Radierungen von Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer wirken in der Kunstwelt bis heute nach, und sein Liebesdrama mit der reichsten Frau der Schweiz bewegte die Gemüter.


Porträts nahe an der Perfektion

«Verfluchter Kerl», so soll ihn Gottfried Keller nach einer durchzechten Nacht lächelnd genannt haben. Stauffer war damals 28 Jahre alt und be-reits ein international gefragter Porträtist. «Seine Malerei war so exakt wie die Fotografie und so lebendig wie die Wirklichkeit», ist im Ausstellungskatalog des Kunstmuseums Bern von 2007 zu lesen. Das Gesicht sei das Wichtigste gewesen, auf das sich Stauffer konzentrierte, und er habe die Menschen am liebsten einfach und ohne Pomp porträtiert.

Auf dem Bildnis von Lydia Welti-Escher durfte er das offensichtlich nicht. Matthias Frehner schreibt im erwähnten Kunstband von unwahrer Salonmalerei. Das Bild wirke steif, der grosse Atem fehle, doch das Gesicht der Zürcher «Prinzessin» sei absolut lebensnah dargestellt. Frehner weist auf das selbstvergessene Lächeln und den schwärmerischen Blick hin, mit dem die – bereits verheiratete – Auftraggeberin den Maler anhimmelt. Stauffer habe aber auch Unvorteilhaftes der Dame festgehalten wie die schweren Wangen mit Hang zum Doppelkinn, so der Kunsthistoriker.

Aus dem Buch ist weiter zu erfahren, dass Stauffer keine grosse Beziehung zur Farbe hatte. In der Radierung fand er eine Technik, die seinem Hang zu Linie und Form entgegenkam. Gesichter hat er präzise und
lebendig auf die Kupferplatte gestochen. Auf der berühmten Radierung von Gottfried Keller stellt Stauffer den Dichter als alten Mann mit resigniertem Blick dar.


Dramatisches Ende

Mit 31 Jahren wagte Karl Stauffer trotz seines Erfolgs einen Neuanfang. Von den Weltis finanziert, reiste er nach Italien, um Bildhauer zu werden. Und dort, in der Fremde, wurden Lydia und Karl ein Liebespaar. Doch Bundesrat Welti, Lydias Schwieger­vater, intervenierte. Er liess Karl inhaftieren und Lydia ins Irrenhaus sperren. Beide waren fortan gesellschaftlich geächtet und fanden nicht mehr zueinander. Gebrochen starb Karl Stauffer mit 33 Jahren in Flo-renz. Lydia Welti-Escher gründete
die Gottfried-Keller-Stiftung mit dem Auftrag, Kunst zu sammeln, und vermachte der Stiftung einen Grossteil ihres Vermögens. Dann schied auch sie, ebenfalls 33-jährig, aus dem Leben

Hundert Jahre nach dem stürmischen Septembertag, an dem Karl Stauffer geboren wurde, liess die Gottfried-Keller-Stiftung eine Figur giessen, für die der Künstler das Modell geschaffen hat. Es zeigt Adrian von Bubenberg in seiner Rüstung.  Das schlichte Standbild kann auf der Terrasse von Schloss Spiez bewundert werden, wo es Wind und Wetter trotzt.

08.01.2026 :: Bettina Haldemann-Bürgi (bhl)