«Wir arbeiten mit der Natur, daher ist jede Ernte wieder anders»

«Wir arbeiten mit der Natur, daher ist jede Ernte wieder anders»
Dank moderner Maschinen können heute bis zu zwei Hektaren pro Stunde gedroschen werden. / Bild: zvg
Oberdiessbach: Das Emmental ist bekannt für die ausgeprägte Viehhaltung. Dabei stammt mit David von Wattenwyl der neue Präsident der Schweizer Getreideproduzenten aus der Region.

David von Wattenwyl, was machen Sie als Ackerbauer eigentlich im Winter?

Also langweilig wird es mir nicht. Es gilt Maschinen instand zu stellen, Hecken zu pflegen und viele Arbeiten im Büro zu erledigen; da bleibt im übrigen Jahr auch das eine oder andere liegen.


Die stressigste Zeit erleben Sie wohl während der Ernte.

Eigentlich nicht. Dank der modernen Mähdrescher kann man heute in einer Stunde bis zu zwei Hektaren Getreide dreschen. Hinzu kommt, dass wir das Stroh nicht zu Ballen pressen, sondern direkt hacken - was eine grosse Arbeitsersparnis ist. Das machen wir aber nicht, um weniger zu tun zu haben, sondern um im Boden genügend Humus aufbauen zu können, weil wir auf unserem Betrieb seit 2008 keine Tiere mehr halten.


Und wann haben Sie dann am meisten zu tun?

Im Herbst. Die meisten der Getreide- und Ölsaaten wie Raps, die wir anbauen, müssen im Herbst in einem bestimmten Zeitfenster gesät werden. Daher gilt es nach der Ernte die Äcker für die kommende Saison vorzubereiten. Dabei spielt natürlich das Wetter eine grosse Rolle. Man kann nicht säen, wenn der Boden zu nass ist oder es gar regnet.


2025 scheint das Wetter generell gut gewesen zu sein - die Ernte war viel grösser als im verregneten Jahr 2024.

Ja, beim Brotgetreide liegt die geerntete Menge gar mehr als 70 Prozent über jener des Vorjahres. Schweizweit sind das gut 436'000 Tonnen, wovon das mit Abstand häufigste Getreide Weizen ist. Weil die Lager leer waren, kam die grosse Ernte zum richtigen Zeitpunkt. Insgesamt liegt der Selbstversorgungsgrad der Schweiz beim Brotgetreide bei über 80 Prozent.


Dabei wird in der Schweiz 70 Prozent des Brotgetreides auf Fungizide, Insektizide und Wachstumsregulatoren verzichtet.

Das wird von der Gesellschaft und der Politik gefordert. Wir Landwirte werden für den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel mit Direktzahlungen entschädigt. Auf diese Weise Getreide anzubauen funktioniert aber nur, weil wir in der Schweiz Getreidesorten haben, die speziell für die hiesigen Bedingungen gezüchtet worden sind und relativ gut mit Krankheiten klarkommen. Bei ausländischen Sorten steht hingegen ein hoher Ertrag und Proteingehalt im Vordergrund.


Hat Getreide aus hiesigem Anbau daher weniger Protein?

Wenn man eine Weizensorte züchtet, die stabil und gesund ist, geht automatisch das Ertragspotenzial und der Proteingehalt etwas zurück. Man kann nicht alles haben. Die Mühlen und Grossbäckereien möchten natürlich einen hohen Proteingehalt und am liebsten ein stets gleiches, standardisiertes Produkt. Wir arbeiten aber mit der Natur und daher unterscheidet sich jede Ernte und jeder Posten.


Aktuell sind Lebensmittel auf Soja-Basis im Trend. In der Schweiz ist die Anbaufläche von Soja aber noch äusserst gering.

Ja, das ist bis anhin nur eine Nische, vor allem weil die Wertschöpfungskette erst aufgebaut werden muss. Es braucht grosse Verarbeiter, welche jährlich eine fixe Menge benötigen. Erst dann wird der Anbau für die Landwirte interessant.


Sie bauen Eiweisserbsen an. Ist das auch ein Nischenprodukt?

Auch hier ist die Anbaufläche schweizweit gering. Dies vor allem, weil die Erträge stark schwanken und weil der Marktpreis - anders als beim Brotgetreide - nicht durch Zölle gestützt wird und die Rendite daher gering ist. Die Eiweisserbsen haben aber auch Vorteile: Sie passen gut in die Fruchtfolge und tun dem Boden gut.


Achtet man heute mehr darauf, dass es dem Boden gut geht?

Das Bewusstsein und auch das Wissen dafür ist gestiegen. Wir bauen auch Gründüngungen an, um den Boden zu schützen und die Bodenlebewesen zu füttern. Wir verzichten zudem grösstenteils auf das Pflügen, um die Bodenstruktur zu schonen. Wenn der Boden gut in Schuss ist, verträgt er eher klimatische Kapriolen.


Apropos Klima: Könnten Regionen wie das Emmental und Entlebuch nicht künftig interessanter für den
Getreideanbau werden?

Das sehe ich ein gewisses Potenzial. Die Bevölkerung wächst und mit ihr die Nachfrage nach Brotgetreide und Ölsaaten. Im Lauf der Zeit haben sich viele Betriebe auf die Tierhaltung spezialisiert; mit Ackerkulturen liesse sich ein zweites Standbein aufbauen. Sinnvoll ist dies aber nur, wenn die Konsumenten gezielt Schweizer Brot kaufen und auf importierte Waren verzichten.


Als Präsident des Schweizerischen Getreideproduzentenverbandes sind Sie viel in der Romandie unterwegs, wo das Hauptanbaugebiet liegt.

Da kommt mir entgegen, dass ich bilingue aufgewachsen bin. Ich musste mir aber noch ein paar Fachbegriffe aneignen; beispielsweise wusste ich nicht, was «Richtpreis» genau auf französisch heisst. Ich konnte zuvor, als ich dem Vorstands-Ausschuss des Verbands angehörte, aber schon einige Erfahrungen sammeln.


Was hat Sie gereizt am Amt des «höchsten» Getreideproduzenten?

Getreide ist für unseren Betrieb wichtig. Deshalb ist es mir wichtig, dass ich mich für diese Branche engagiere. Ich sage immer: Wer nichts macht, darf sich auch nicht beklagen. Ich habe aber schon grossen Respekt vor der Aufgabe. Als Getreideproduzenten sind wir in der Zange der Ansprüche der Gesellschaft und der Verarbeiter - aber das ist auch spannend.

Getreide spielt auf seinem Betrieb eine grosse Rolle

David von Wattenwyl wurde im November von den 39 Delegierten des Schweizerischen Getreideproduzentenverbandes zum neuen Präsidenten gewählt. Der 34-Jährige tritt die Nachfolge von Fritz Glauser aus dem Kanton Fribourg an, der das Amt 18 Jahre inne hatte. In Oberdiessbach bewirtschaftet von Wattenwyl den Gutsbetrieb des Schlosses sowie gepachtete Flächen des Uttigguts in Uttigen. Der Landwirt erledigt die Arbeiten auf den rund 90 Hektaren, abgesehen vom Mähdreschen und vom Austrag von Gärgülle, alle selbstständig. Sein pensionierter Vater, Sigmund von Wattenwyl, unterstützt ihn im All-tag. Und in der Erntezeit engagiert er einen Jugendfreund als Maschinisten. Zu den angebauten Ackerkulturen gehören Weizen, Raps, Gerste, Mais, Sonnenblumen, Eiweisserbsen, Kunstwiese sowie extensive Wiesen, Weiden und Dauergrünland.

08.01.2026 :: Bruno Zürcher (zue)