«Ich will leeren Tisch machen und schauen, was man danach auftischt»

«Ich will leeren Tisch machen und schauen, was man danach auftischt»
Paul Wittwer ist Krimiautor und war bis vor Kurzem Arzt in Oberburg. / Bild: zvg
Oberburg: Der Krimiautor Paul Wittwer praktizierte 30 Jahre in einer Gemeinschaftspraxis in Oberburg als Arzt. Jetzt geniesst er das Gefühl, Zeit zu haben – und denkt an einen neuen Krimi.

Beim Namen Paul Wittwer denken Krimifans an Buchtitel wie «Giftnapf» oder «Eiger, Mord & Jungfrau». Patientinnen und Patienten erinnern sich vielleicht mit Wehmut an ihren Hausarzt, der ihnen zuhörte, und dessen Behandlungen im besten Fall Beschwerden linderten.

Letzeres ist Geschichte. Paul Wittwers Nachfolge hat im Oktober definitiv die Arbeit aufgenommen. Ist das schwierig für ihn? Der Autor und Arzt sitzt gerade und entspannt am Wohnzimmertisch in seinem Zuhause in Oberburg und denkt nach, bevor er antwortet: «Nein. Ich bin froh, eine positive Lösung gefunden zu haben. Es ist ein gutes Gefühl, dass ich mich zurückziehen kann, um meinen Pendenzenberg ohne Termindruck abzuarbeiten. Das wird ein Weilchen dauern.» Auch aufräumen will er und gesteht, er sei ein Sammler. «Ich will jedoch leeren Tisch machen und schauen, was man dann auftischt.»


Ein fünfter Roman?

Vier Kriminalromane hat Paul Wittwer in den vergangenen 25 Jahren geschrieben. «Ich hatte das Gefühl, dass ich nach dem vierten Roman keinen mehr schreibe. Trotzdem studiere ich wieder an einer Geschichte herum, jetzt, wo ich Zeit habe», sagt er und lächelt.

Am Anfang steht immer ein medizinisches Thema, das er kennt. Gesundheit, Krankheit, Medikamente, Unlauteres, Düsteres, Mysteriöses, aber immer Aktuelles, etwas, was die Menschen beschäftigt. Dieses Rezept hat er in allen seinen Krimis angewendet, mit viel Erfolg. Trotzdem habe er nie darüber nachgedacht, nur noch Bücher zu schreiben. Er sei Arzt und Autor, beides, und das wolle er bleiben.


Rennend nachdenken

Der in Rüderswil aufgewachsene Paul Wittwer hat sein Leben im Emmental verbracht. «Ich bin nie aus dem Emmental herausgekommen und bin da verwurzelt, erst recht jetzt mit den Grosskindern», sagt er. In diesen Tälern zwischen den stotzigen Högern wolle er bleiben, er denke nicht ans Verreisen wie andere Pensionierte.

Er gehe den neuen Lebensabschnitt ruhig an, obschon er Bewegung liebe und brauche. Der Krimischreiber ist ein begeisterter Läufer, hat auch schon mehrmals die Marathondistanz bewältigt. «Laufen hilft beim Durchhalten. Beim Rennen kann ich nachdenken, auch über meine Geschichten», erzählt er. Und warum schreibt er Krimis? «Etwas anderes würde ich mir gar nicht zutrauen», meint Wittwer. «Beim Krimi kann ich mit einer einfachen Sprache arbeiten, und die Spannung liegt in der Geschichte.» Kriminalromane seien für einen Einsteiger einfacher zu schreiben als ein komplexer Roman, findet er.


Etwas Neues schaffen

Wie ging das, täglich Patientinnen und Patienten behandeln, sich um die Familie kümmern, rennen und schreiben? Tatsache ist, dass Paul Wittwer an jedem seiner Bücher jahrelang schrieb, über sie nachdachte und sie überarbeitete. «Beim ersten Buch hatte ich mir vorgenommen, jeden Tag eine Seite zu schreiben, das habe ich aber nicht geschafft.» 

Er schrieb also dann, wenn er Zeit hatte, und studierte weiter an der Geschichte herum, schrieb viel nachts. So dauerte es jeweils Jahre, bis ein Buch herauskam. Diesen Kreativprozess liebe er, sagt Wittwer. Etwas Neues schaffen, nicht nur etwas ausführen, das gemacht werden muss. Das sei etwas Schönes. «Eine grosse Freiheit.» Wobei, so fügt er an, auch «das Doktere» etwas Kreatives habe. Auch dort sei die Sprache von Bedeutung, wie man etwas mitteile, wie man reagiere. «Und schreiben muss man ja als Arzt auch viel.»

Die vier Krimis von Paul Wittwer

Paul Wittwer ist 1959 in Sumiswald geboren worden und in Rüderswil aufgewachsen. Seit vielen Jahren wohnt er in Oberburg, wo er bis vor Kurzem als Allgemeinarzt in einer Gemeinschaftspraxis arbeitete. Mit seinem Romanerstling «Eiger, Mord & Jungfrau» landete er 2004 auf Anhieb auf der Liste der Bestseller. Als zweites Werk folgte der «Giftnapf», dessen Geschichte – der Titel legt es nahe – im Napfgebiet spielt. Die beiden nächsten Kriminalromane «Widerwasser» und «Bestzeller» folgten in jahrelangen Abständen. Und jetzt wartet Wittwers Fangemeinde vermutlich ungeduldig auf den nächsten Krimi.

25.12.2025 :: Laura Fehlmann (lfc)