Aus einer Legislatur wurden 15 Jahre

Aus einer Legislatur wurden 15 Jahre
Kathrin Scheidegger vor ihrem neuen Wohnsitz, der auf Lützelflüher Boden steht. / Bild: Silvia Wullschläger (sws)
Trachselwald: Gemeindepräsidentin Kathrin Scheidegger tritt ein Jahr früher als geplant zurück. Grund ist ein Umzug. Über dessen speziellen Umstände berichtete sogar der «Blick».

Kathrin Scheidegger erlangte zum Ende ihrer Karriere als Gemeinde­politikerin nationale Berühmtheit. Im Artikel des «Blick» stand jedoch nicht ihre Arbeit im Zentrum - obwohl sie sich nicht weniger als 15 Jahre im Gemeinderat engagierte. Vielmehr ging es um den Grund ihres Rücktritts. Sie und ihr Mann übergeben den Landwirtschaftsbetrieb an den Sohn und die Schwiegertochter. Damit zieht die junge Familie ins Bauernhaus ein, die ältere Generation wechselt ins Stöckli, so wie das üblich ist. Doch weil die Strasse zwischen den beiden Gebäuden auch die Gemeindegrenze von Trachselwald und Lützelflüh markiert, wird Kathrin Scheidegger mit dem Umzug Einwohnerin der Nachbargemeinde Lützelflüh. Damit war klar, dass sie das Amt als Gemeindepräsidentin, das sie seit neun Jahren ausübt, abgeben muss.


Im Sinn der Familie

Die Artikel im «Blick» und in anderen Medien hätten viele Reaktionen ausgelöst, erzählt Kathrin Scheidegger. Auch einige kreativen Ideen seien darunter gewesen. «Jemand fand, ich könne doch ein Zimmer im Bauernhaus behalten und als Wochenaufenthalterin Gemeindepräsidentin bleiben.» Mit irgendeinem Kniff im Amt zu bleiben, sei für sie aber nicht in Frage gekommen. «Klar, hätte ich die Legislatur gerne beendet. Doch die Jungen wollten vorwärts machen, was ich gut verstehen kann.» Es freue sie, dass der Sohn den Hof übernehme. Gefreut hat sich Kathrin Scheidegger auch, als sie vor 15 Jahren in den Gemeinderat gewählt wurde. Doch nie hätte sie gedacht, dass sie so lange bleiben würde. Im Gegenteil. Die Belastung mit der sechsköpfigen Familie und der Mitarbeit auf dem Hof war so gross, dass sie sich maximal eine Legislatur gab. «Dann haben wir aus verschiedenen Gründen den Betrieb umgestellt von Milchwirtschaft auf Ackerbau und Pensionspferde.» Dieser Schritt und die Unterstützung ihres Mannes hätten ihr den nötigen Freiraum verschafft für die politische Arbeit, betont Scheidegger. Nebst der Familie sei der Rückhalt im Gemeinderat essenziell gewesen. «Wir waren immer ein Team, auch wenn wir unterschiedliche Meinungen vertraten.»


Vieles, aber nicht alles abgeschlossen

Nicht nur das Umfeld hat geholfen, dass Kathrin Scheidegger so lange blieb, sondern auch die vielfältigen Aufgaben. «Es gab, nebst Routinearbeiten, immer wieder neue Herausforderungen.» Manches, wie die Revision des Organisationsreglements und die Neuaufstellung der Verwaltung nach der Pensionierung des langjährigen Gemeindeschreibers, habe erfolgreich beendet werden können. Anderes nicht. Hier nennt sie das ehemalige Schulhaus Thal und die unterschiedlichen Meinungen zu dessen künftigen Nutzung. «Ich hätte diese lange Geschichte gerne abgeschlossen, doch das ist nun leider nicht mehr möglich.»


Projekte für Frauen initiiert

Ein anderes Thema hat die Mitte-Politikern ebenfalls während ihrer gesamten Amtszeit begleitet, es ist ihr Herzensanliegen: Frauen in der Politik. Sie half mit, ein Netzwerktreffen für Gemeinderätinnen des Verwaltungskreises Emmental auf die Beine zu stellen. Und als Vizepräsidentin der Regionalkonferenz Emmental rief sie das Mentorinnen-Projekt «Frauen fördern Frauen» ins Leben. «Mir war es immer ein grosses An­liegen, dass sich Frauen in der Politik vernetzen können. Männer haben diese Seilschaften oft schon.» Beide Projekte fanden zwar Anklang, doch das Projekt der Regionalkonferenz existiert heute nicht mehr in dieser Form und die Netzwerktreffen wurden nach der Corona-Pandemie nicht wieder aufgenommen. Schade, findet Kathrin Scheidegger. Doch immerhin habe die Zahl der Gemeindepräsidentinnen in dieser Zeit mehr als verdoppelt werden können. In absoluten Zahlen sieht es weniger spektakulär aus. Aktuell werden von den 39 Emmentaler Gemeinden 7 von Frauen geführt, vorher waren es 3. Es werde nicht einfacher, Frauen für die Politik zu gewinnen, ist Scheidegger überzeugt. «Heute gehen die meisten nach der Familiengründung wieder ihrem Beruf nach. Da liegt ein politisches Amt nicht auch noch drin.»


Lesen, was Spass macht

Kathrin Scheidegger ihrerseits zieht Ende Jahr einen Schlussstrich unter ihr politisches Engagement. Weder eine erneute Kandidatur für den Grossen Rat noch ein Amt in ihrer neuen Gemeinde Lützelflüh könnten sie locken. Sie habe bald sechs Grosskinder und freue sich darauf, mehr Zeit für ihre grossen Hobbys zu haben, den Garten, das Velofahren und das Lesen - keine Akten, sondern das, was Spass macht. Am Herzen liegen ihr auch die Simon Gfeller Stiftung und der Bevölkerungsschutz Trachselwald Plus, wo sie Ämter übernimmt. Auch für die Gemeinschaft im Dorf Trachselwald will sie sich weiterhin als Privatperson engagieren - über die Gemeindegrenze hinweg, die mitten durch den Ort führt.

18.12.2025 :: Silvia Wullschläger (sws)