Jeder hat seinen Job: Hanspeter Inniger, Christian Hertig und Christian Spyr (von links). / Bild: Silvia Wullschläger (sws)
Langnau: Einen Nistkasten aufzuhängen ist gut gemeint, doch damit ist es nicht getan; er muss jährlich geputzt werden. Christian Spyr macht es seit 40 Jahren im grossen Stil.
Der Nistkasten mit der Nummer 0 befindet sich in etwa drei Metern Höhe an einem Baum an der Ilfis. Um ihn herunterzuholen, benutzt Christian Hertig eine lange, rote Stange mit einem Haken vorne dran. Diesen steckt er ins Flugloch, hängt den Kasten ab und bringt ihn auf den Boden. Hans-peter Inniger nimmt ihn entgegen, öffnet das Gehäuse und holt ein Nest heraus. «Hier hat eine Blaumeise gebrütet, das Nest ist gut gepolstert mit Moos und es hat noch etwas Schafwolle drin», erklärt der Kenner. Er putzt den Kasten mit einem Schaber heraus und schwupps, schon hängt ihn Christian Hertig wieder an den Baum. Inzwischen notiert Christian Spyr die Nummer des Kastens und die Vogelart, die darin genistet hat, auf einer Liste. Und schon geht es weiter zum nächsten Nistkasten, 30, 40 Meter entfernt. Es gibt noch viel zu tun an diesem Nachmittag.
Mit dem Aufhängen ist es nicht getan
Begonnen hat alles vor 40 Jahren, als Christian Spyr die ersten Nistkästen in der Umgebung von Langnau aufhängte. «Aus Liebe zur Natur», wie er sagt. Später erhielt er Unterstützung; Christian Hertig ist seit zehn Jahren dabei, Hanspeter Inniger seit fünf. Aktuell betreuen die drei Männer nicht weniger als 480 Vogelhäuschen. «Wir machen zehn Touren, für jede benötigen wir etwa einen Nachmittag. Nach getaner Arbeit geniessen wir jeweils noch ein Feierabendbier», sagt Spyr und lacht verschmitzt.
Es sei wichtig, die Nistkästen sauber zu halten. «Wie wir Menschen nicht gerne in ein ungemachtes Bett liegen, mögen es auch die Vögel nicht, ihr Nest auf ein altes zu bauen», erklärt Hanspeter Inniger, der sich als Tierfotograf gut in der Natur auskennt. Unsaubere Nistkästen seien eine Brutstätte für Ungeziefer, ergänzt Spyr. Deshalb appellieren die drei Vogelfreunde an alle Leute, die Nistkästen aufhängen, diese dann auch jährlich zu putzen. «Sonst bringt es nichts.»
Schutz vor Nässe unerlässlich
Christian Spyr hilft nicht nur beim Säubern der Nistkästen, er stellt sie auch selbst her. Etwa drei Stunden braucht er für ein Exemplar. Aus jahrelanger Erfahrung weiss er, was praktisch ist. Rund ums Flugloch bringt er jeweils eine Metallplatte an. «Damit der Specht kein Loch klopfen, hineinschlüpfen und die Brut zerstören kann», erklärt der 80-Jährige. Dach und Rückwand werden durch ein Alublech vor Nässe geschützt, eine Tropfnase sorgt dafür, dass es kein Wasser hineinzieht. «So haben es die Vögel trocken und gemütlich.»
Wie die Kohlmeise, die im Kasten Nummer 1 gebrütet hat. Zu erkennen ist sie am weichen Moosnest ohne Wolle. «Ihr Nest finden wir am häufigsten vor», sagt Hanspeter Inniger. Auch Trauerschnäpper, Kleiber und andere Höhlenbrüter nutzen die Kästen. Sie haben immer mehr Mühe, natürliche Höhlen zu finden. «Wir können sie mit unserer Arbeit ein
wenig unterstützen», sagt Christian Hertig. Dabei gehen sie pragmatisch vor. So wird das Flugloch nicht den verschiedenen Vogelarten angepasst, sondern weist eine Einheitsgrösse von 28 Millimetern auf. «Die Vielfalt, die wir vorfinden, gibt uns Recht.»
Nicht jede Brut ist erfolgreich
Die kleine Truppe begibt sich zum nächsten Nistkasten. Beim Herunterholen bricht der Aststumpf, an dem er hängt, ab. «Wir brauchen einen neuen Standort», ruft Christian Hertig. Dieser ist schnell gefunden. Hertig klappt vorne am Stab eine kleine Säge auf, sägt einen passenden Ast ab und hängt das gesäuberte Gehäuse wieder auf. Dasselbe Prozedere wird angewendet, wenn ein Kasten zwei Jahre ungenutzt bleibt. «Dann müssen wir davon ausgehen, dass die Lage ungünstig ist», erklärt der 70-Jährige. Selbst wenn die Vögel einen Nistkasten nutzen, ist der Erfolg nicht garantiert. «Manchmal finden wir tote Jungtiere», erzählt Inniger. «Sie sind verhungert, etwa, weil die Eltern einem anderen Tier, häufig sind es Katzen oder Raubvögel, zum Opfer gefallen sind.» Da könne man nichts machen, das sei halt die Natur. Doch das, was sie beitragen könnten, wollten sie weiterhin tun, betonen die Drei. Etwas bereitet ihnen aber Sorgen. Was, wenn sie altershalber nicht mehr auf Tour gehen können? «Es wäre schade um all die Nistkästen», sind sie sich einig. Deshalb hoffen
sie, in absehbarer Zeit Nachfolger zu finden. «Der Aufwand ist nicht riesig, der Nutzen aber schon», werben sie für ihr Anliegen. Dann ziehen sie weiter – an diesem Nachmittag warten noch 48 Häuschen darauf, geputzt
zu werden, auf dass sie im nächsten Frühling frisch bezogen werden können.