Leila Scheiwiller untersucht, ob es an dieser Stelle Moospflanzen gibt. Zum Teil sind diese noch ganz klein. / Bild: Silvia Wullschläger (sws)
Entlebuch: Landwirte melden, dass sich Moose auf Ökoflächen stark ausbreiten, was den Ertrag und die Artenvielfalt mindere. Eine Studentin untersucht nun den Einfluss der Bewirtschaftung.
Leila Scheiwiller klappt den Holzrahmen auf und legt ihn auf die Ökowiese. Horizontal und vertikal sind je zehn rote Schnüre gespannt. So bilden sie schachbrettartig ein Netz mit 100 Schnittpunkten. Nun nimmt sie ein rotes Stäbchen in die Hand, sticht beim ersten Messpunkt in den Boden und schaut, ob sich dort Moos befindet. Auf den ersten Blick sieht man nichts. Doch die ETH-Studentin der Umweltnaturwissenschaften lässt sich nicht täuschen. «Das Moos hier ist noch ganz klein, aber es ist vorhanden», sagt sie und nimmt den nächsten Punkt unter die Lupe. Jedesmal, wenn sie fündig wird, drückt sie einen Zähler. Das Ergebnis notiert sie auf ihrem Tablet. Auf insgesamt 64 Flächen im Entlebuch legt sie an je vier zufällig generierten Orten den Rahmen aus. Das Ziel ihrer Masterarbeit: «Ich will herausfinden, welchen Einfluss die Art der Bewirtschaftung auf den Deckungsgrad von Moosen hat.»
Umweltbedingungen sind zentral
Ausgeschrieben hat die Arbeit die Unesco Biosphäre Entlebuch (UBE). Deren wissenschaftlicher Mitarbeiter und ETH-Dozent Florian Knaus betreut Leila Scheiwiller während ihrer Studie. «Landwirte haben uns wiederholt gemeldet, dass sich auf Ökoflächen Moose stark ausbreiten», erklärt Knaus. Es sei eine verbreitete Meinung, dass die Vermoosung zurückgehen würde, wenn man Nährstoffe, also Mist, Gülle oder Dünger, einbringe. Weil dies auf extensiven Wiesen nicht erlaubt sei, wachse dort das Moos übermässig. Wissenschaftlich sei dies aber nicht bestätigt, sagt Knaus. Aus diesen Gründen habe sich die UBE dem Thema angenommen. Bereits im letzten Jahr hat eine ETH-Studentin, Nadine Reinert, ihre Masterarbeit der «Vermoosung auf Biodiversitätsförderflächen und Naturschutzflächen in der UBE» gewidmet. Ihr Fazit: Die Vermoosung hänge stark von den Umweltbedingungen ab wie Lage, Bodenbeschaffenheit, Feuchtigkeit. Die Art und Weise, wie die Wiese genutzt und bewirtschaftet wird, habe einen geringeren Einfluss. «Bei dieser Analyse war die Flughöhe hoch, es wurden die verschiedensten Flächen angeschaut, von Schattenhängen bis zu Wiesen, die nach Süden ausgerichtet sind», erklärt Knaus. Leila Scheiwiller nun fokussiert ihre Arbeit explizit auf die Art der Bewirtschaftung.
Der Bauer möchte «bschütte»
«Ich vergleiche extensive Wiesen, die nie gedüngt werden, und wenig intensive Flächen, die leicht gedüngt werden dürfen», erklärt die Studentin, während sie Messpunkt um Messpunkt kontrolliert. Der Senior-Bauer, der die Fläche bewirtschaftet, schaut inzwischen interessiert zu. Für ihn ist klar: «Man sollte Ökoflächen alle zwei Jahre ‹bschütte›. Sonst hat es mit der Zeit nur noch ‹Miesch› und es wachsen keine Blumen mehr. Ausserdem gibt es weniger Ertrag.» Zudem würden die Kühe das vermooste Heu nicht gerne fressen, es diene nur als Streu, und das sei schade. «Genau das untersuche ich jetzt, ob es einen Einfluss hat, wenn man eine Wiese leicht düngt», antwortet Scheiwiller.
Um die Ökoflächen vergleichen zu können, müssen deren Umweltbedingungen möglichst gleich sein. So sind sie alle nach Westen ausgerichtet und liegen in der Bergzone 1 oder 2. Um Details zur Bewirtschaftung zu erfahren, wird die Studentin eine telefonische Umfrage bei den Bäuerinnen und Bauern durchführen. «Beispielsweise interessiert mich, wie lange die Wiese bereits extensiv oder wenig intensiv bewirtschaftet wird.» Eine weitere Frage sei, ab wann überhaupt von Vermoosung gesprochen werde – denn das sei eine subjektive Wahrnehmung, für die es keinen klaren Schwellenwert gebe.
Moos drängt Pflanzen zurück
Florian Knaus ergänzt, dass auch die Auswirkungen einer zunehmenden Vermoosung auf die Natur nicht erforscht seien. Vermutlich sei die Entwicklung nicht positiv, oder höchstens dann, wenn sich seltene Arten wie Torfmoose verbreiten würden. Davon dürfe man aber nicht ausgehen. «Wenn sich Moos ausbreitet, das es überall gibt, und so der Pflanzenbestand zurückgedrängt wird, ist das auch aus Naturschutzsicht nicht wünschenswert», sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter der UBE. Leila Scheiwiller hofft, ihre Arbeit Mitte Januar abgeben zu können. Im Winter soll es einen Infoanlass zu den Resultaten geben.