Damit die Pflege von Angehörigen nicht in Gewalt mündet

Damit die Pflege von Angehörigen nicht in Gewalt mündet
Die Betreuung und Pflege einer angehörigen Person kann erfüllend sein, aber auch sehr belasten. / Bild: Shutterstock
Kanton Bern: Wenn die Betreuung von Angehörigen zu Hause zur Überforderung wird, steigt die Gefahr, dass Grenzen überschritten werden. Der Kanton verstärkt nun die Prävention.

Angehörige sind meist die ersten, die ältere Menschen in ihrem Alltag unterstützen. Es beginnt oft mit kleinen Hilfestellungen, etwa dem Vater die Stützstrümpfe anziehen. Das geht ja problemlos noch rasch vor der Arbeit, denkt die Tochter. Mit der Zeit dauert es aber immer länger und es kommt noch diese und jene Handreichung dazu. Der Stresspegel steigt, denn die Tochter muss ja zur Arbeit. Sie wird von Tag zu Tag ungeduldiger. Immer öfter beschimpft sie ihren Vater. Und die Stützstrümpfe zieht sie ihm nicht mehr jedes Mal an. Dieses Beispiel schildert Lis Füglister, Leiterin der Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Es zeige auf, wie sich eine Grenzüberschreitung im häuslichen Umfeld anbahnen könne - oft langsam, schleichend. «Deshalb», so Füglister, «ist es wichtig, die Prävention zu verstärken, damit eine Situation gar nicht erst eskaliert.» Eine Kampagne will für das Thema sensibilisieren. So wird aktuell eine Broschüre über verschiedene Kanäle unter die Leute gebracht.


Es gibt eine Grauzone

Der Bundesrat nennt in seinem Bericht zur Verhinderung von Gewalt im Alter jährlich 300'000 bis 500'000 Personen ab 60 Jahren, die Opfer von Gewalt oder Vernachlässigung werden. Nur ein Bruchteil davon werde gemeldet, weiss Lis Füglister. «Für Betroffene ist es eine grosse Hürde, sich an die Behörden oder gar die Polizei zu wenden, denn sie befinden sich oft in einem Abhängigkeitsverhältnis. Dazu kommt Scham.» Lis Füglister betont, dass nicht jede Grenzüberschreitung als häusliche Gewalt im Sinne des Strafrechts gelte. Damit sie als Offizialdelikt strafrechtlich verfolgt werde, brauche es eine gewisse Intensität wie Körperverletzung, Drohung und wiederholte Tätlichkeit. Man bewege sich oft in einer Grauzone. Sie nennt ein Beispiel. Die Grossmutter weigert sich, die Medikamente einzunehmen, worauf die Angehörigen diese unter das Essen mischen. Wird hier eine Grenze verletzt oder ist es fürsorgliches Handeln? «Grundsätzlich ist jede Massnahme, die gegen den Willen einer handlungsfähigen Person verstösst, eine Grenzüberschreitung», erklärt Füglister. Ob ein Mensch noch handlungsfähig sei, müssten Fachpersonen entscheiden.


Sich früh damit befassen

Die beste Prävention gegen Gewalt im Alter sei, sich als Angehörige schon früh grundsätzliche Überlegungen zu machen. Was ist meine Motivation, Betreuungsaufgaben zu übernehmen? Was vermag ich zu leisten und was ist machbar in meinem Alltag? Wo liegen meine Grenzen? Was gibt es an externer Unterstützung? Im Idealfall, so Füglister, spreche man dann mit den älteren Angehörigen offen über Möglichkeiten und Grenzen. Wichtig: Auch die betreuten Personen sollen sich äussern, wo ihre Grenzen sind. Nicht alle wollen sich beispielsweise beim Toilettengang oder Duschen durch Angehörige helfen lassen. Sei ein solches Gespräch schwierig oder nicht möglich, lohne es sich, eine externe Fachperson beizuziehen. Am besten, so Füglister, nehme man eine solche Standortbestimmung regelmässig vor, denn Situationen änderten sich, die Betreuung werde meist aufwändiger. Mit dem Selbsttest www.ichpflege.ch können solche Fragen strukturiert angegangen werden.


Gesundheitspersonal sensibilisieren

Ist eine Situation bereits sehr schwierig oder droht zu eskalieren, rät Lis Füglister den Opfern, sich jemandem anzuvertrauen. Das könne der Hausarzt, eine Freundin, eine Nachbarin oder eine Beratungsstelle wie Pro Senectute sein. «Das Wichtigste ist, dass man nicht alleine bleibt.» Weil dieser erste Schritt schwierig und nicht allen möglich sei, komme den Gesundheitsfachleuten eine wichtige Rolle zu. «Jeder und jede muss mal zum Arzt. Oder die Spitex ist im Haus. Deshalb ist es zentral, diese Personen noch mehr zu sensibilisieren.» Sie sollen aufmerksam sein, hinschauen, nachfragen, Äusserungen und Andeutungen ernst nehmen. Lis Füglister geht noch einen Schritt weiter. Die Hausärztin oder der Spitexmitarbeiter soll das Gespräch mit den Angehörigen aktiv und standardmässig suchen, bevor es zu Problemen kommt. «Je früher man darüber spricht, desto grösser ist die Chance, dass es für alle Beteiligten stimmt oder man rechtzeitig Korrekturen vornehmen kann.»

Risiko- und Schutzfaktoren

Besonders gefährdet, Gewalt zu erfahren, sind Menschen mit Demenz, sagt Lis Füglister von der Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Die Pflege sei aufwändig und kräfteraubend. «Weiter sind Menschen, die bereits Gewalt erfahren haben, speziell gefährdet. Auch Alkohol- oder Drogenkonsum kann zu schnelleren Grenzüberschreitungen führen.» Dagegen sei eine gute soziale Integration ein wesentlicher Schutzfaktor. Auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten spielten eine Rolle, so Füglister. Wer über die nötigen Finanzen verfüge, könne zur Entlastung extern Leistungen wie Haushalthilfe oder Mahlzeitendienst einkaufen.

15.05.2025 :: Silvia Wullschläger (sws)