Ein Rotmilan zieht auf der Suche nach Nahrung umher. Die Population ist in den letzten Jahren gewachsen. / Bild: Patrick Scherler
Langnau: «Der Rotmilan - ein Opportunist im Aufwind» lautete der Vortrag von Patrick Scherler von der Schweizerischen Vogelwarte. Er zeigte auf, wie die eleganten Vögel leben.
«Ein Rotmilan fliegt mit einer Flügelspannweite von 1,50 Meter. Er wiegt etwa 1 Kilogramm und wird bis zu 30 Jahre alt. Er lebt monogam und ist reviertreu. Er kommt nur in Europa vor. Erkennbar ist er an der roten Färbung seines Bauchgefieders und des gegabelten Schwanzes.» So stellte Patrick Scherler von der Vogelwarte Sempach einen unserer grössten Vögel vor.
Mehr brütende Rotmilane
In der Zeit von 1850 bis 1950 waren die Rotmilan-Bestände rückläufig, erholten sich aber trotz Rückschlägen zusehends. Aufeinanderfolgende Bilder von Verbreitungskarten machten deutlich, wie rasant sich die Population in der Schweiz wieder ausdehnte. Die statistische Darstellung zeigt, dass der Brutbestand auch in den Jahren 2015 bis 2020 zugenommen hat. «Die Zu- oder Abnahme von Arten hängt von drei Faktoren ab», führte der Forscher aus. «Von der Fortpflanzungsrate, der Überlebensrate sowie der Zu- und Abwanderungsrate.» Mit Beringung und Überwachungskameras, heutzutage vorwiegend mit Drohnen, beobachteten die Mitarbeiter der Vogelwarte über Jahre Vorkommen und Verhalten. Milane sind Fleischfresser. Am häufigsten erbeuten sie Feld- und Schermäuse oder Aas, ebenso Würmer, Amphibien und Vögel. Sie bedienen sich ab Komposten, Misthaufen, Grillrosten. Da können durchaus Gipfeli, Züpfe, Fotzelschnitten, Hamburger, Bratwürste und Fleischresten darunter sein. Sie jagen auch Katzen und Graureihern ihre Beute ab. Rotmilane habe aber auch Feinde: Uhus und Habichte stehlen ihnen Küken aus dem Nest. Zwischen Krähen und Milanen geschieht dies gegenseitig.
Jungvögel kehren meist zurück
Patrick Scherler zeigte einige Nester mit Eiern und Jungvögeln. Die putzigen Kleinen im Flaumkleid bekommen nebst Nahrung auch «Dekorationen» ins Nest gelegt: Papier- und Plastikabfälle oder auch mal ein Stofftier. Ist eine Wiese frisch gemäht, füllt sich das Nest mit Mäusen. Nach sieben bis acht Wochen fliegt ein junger Rotmilan aus und beginnt die Umwelt auszukundschaften. Zuerst zieht er in seiner näheren Umgebung umher, im Herbst nach Südfrankreich, Spanien oder Portugal. Im Februar und März kommt der junge Rotmilan oft zurück an seinen Geburtsort. Dieses Explorationsverhalten kann zwei bis drei Jahre dauern, bis ein junger Rotmilan sich definitiv niederlässt und meist unweit seines eigenen Nestes selber brütet. Ältere Vögel bleiben den Winter über bei uns, solange sie genügend Nahrung finden. Man sieht sie dann etwa zu Dutzenden auf Bäumen schlafen. Solche Standvögel haben einen höheren Bruterfolg. Patrick Scherler nannte Gefahren, die einem Rotmilan drohen: Vergiftungen durch Pestizide und Barbiturate (durch ein vom Fuchs ausgegrabenes eingeschläfertes Haustier), Jauche, Kollisionen mit Verkehr und Windrädern, Stromschläge und Abschüsse. Da die Mortalität in der Schweiz nicht übermässig und unsere Landschaft kleinräumig strukturiert ist und sie standorttreu sind, haben wir eine hohe Dichte an Rotmilanen.