Remo Ruch (rechts) im Gespräch mit dem Physiotherapeuten an der Militär-WM in Cartagena (ESP). / Bild: zvg
OL: Der Eggiwiler Remo Ruch ist mit 29 Jahren schon Cheftrainer des OL-Elite-Kaders. Der Wechsel vom Athleten zum Trainer kommt selbst für ihn etwas früher als erwartet.
Remo Ruch, bis vor wenigen Monaten waren Sie noch als Athlet aktiv. Wie kam es zum schnellen Wechsel?
Das Ganze geschah unerwartet. Letztes Jahr war ich längere Zeit in Schweden mit der Absicht, leistungsmässig nochmals einen Schritt zu machen. Ich war in der Anschlussgruppe des Elite-Kaders. Im Sommer hat sich plötzlich ein Wechsel abgezeichnet.
Das bedeutet, Sie haben sich einfach mal auf den frei gewordenen Chefposten beworben?
Nein, ursprünglich meldete ich mich auf die Stelle als Cheftrainer des Juniorenkaders. Der Verband fragte mich dann an, ob ich nicht gleich den Posten als Cheftrainer des Elite-Kaders übernehmen möchte. So kam das Ganze ins Rollen.
Wie war Ihre erste Reaktion?
Ich wusste, dass ich die Stelle irgendwann übernehmen möchte. Aber ich fand, es sei etwas zu früh. Schliesslich liess ich mich fast ein wenig dazu überreden. Aber es ist definitiv das, was ich will.
Warum bemühte sich der Verband so sehr um Sie?
Man suchte jemanden mit den nötigen beruflichen Qualifikationen, der idealerweise früher als Athlet aktiv war. Zudem hatte ich drei Jahre lang mit einem geringen Pensum das nationale Leistungszentrum in Bern geleitet. Dort werden täglich Trainings angeboten. Schon da habe ich viel koordiniert und organisiert. Das wird auch im neuen Job eine Kernaufgabe sein.
Wie kann man sich Ihre Aufgabe nach dem Rollenwechsel vorstellen?
Kilian Imhof übergibt nach fünf Jahren ein sehr gut eingespieltes Team. Ich bin nicht direkt für die Athleten zuständig. Ich habe einen Damen- und zwei Herren-Trainer unter mir, die mit den Athletinnen und Athleten zusammenarbeiten. Ich sehe mich als Teammanager.
Jetzt sind Sie plötzlich der Chef Ihrer Kollegen. Wie streng werden Sie führen?
Alle sind sehr motiviert und ich erwarte viel Eigeninitiative. Ich habe den Athleten gesagt, es sei kein roter Teppich. Ich will einfach die Rahmenbedingungen schaffen, damit sie die bestmögliche Leistung erbringen können. Bei einem Kaderzusammenzug sind etwa 40 Athletinnen und Athleten dabei. Hinzu kommen die Betreuenden bis hin zum Physiotherapeuten. Bei 50 Leuten ist eine gewisse Selbstständigkeit nötig. Generell ist
es meine Art, dass alles einfach und effizient sein soll.
Und wie haben Sie Ihre Schwester Martina informiert? Sie ist ja im Elite-Nationalkader.
Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Sie musste einwilligen, dass ich den Job übernehmen darf. Bei bestimmten Entscheiden würde ich in den Ausstand treten. Aktuell sind wir übrigens fast nur noch am Wochenende daheim in Eggiwil, ansonsten wohnen wir in Bern. Wir geniessen es, weiterhin in den schänen Wäldern der Region zu trainieren.
Wie oft werden Sie im neuen Job unterwegs sein?
Mit Trainingslagern und Wettkämpfen werde ich etwa 75 Tage unterwegs sein, dies fast nur im Ausland. Das Gelände in der Schweiz ist uns bekannt und auf diesem Niveau muss man sich spezifisch vorbereiten, damit man vorne mitmischen kann. Nebst EM, WM und den Weltcuprennen werden 2025 auch die World Games in China hinzukommen.
Welche Ziele stecken Sie sich selber für die Saison 2025?
Derzeit verschaffe ich mir einen Überblick im laufenden Betrieb. Ich will Strukturen schaffen, die uns ermöglichen, weiterhin Medaillen zu gewinnen. Dort, wo es nötig ist, werde ich die Extrameile gehen, damit wir vorne dabeibleiben. Auf längere Sicht will ich die nächste Generation soweit bringen, dass sich die Schweiz an der OL-Weltspitze halten kann.
Wo sehen Sie die Schweiz im internationalen Vergleich?
Wir sind zusammen mit Schweden die führende Nation. Generell sind die skandinavischen Länder sehr gut; in den letzten Jahren gewannen aber vermehrt auch andere Nationen Medaillen, das Niveau wird dichter. Das Verbandsziel ist klar: Wir wollen langfristig Weltklasse sein – darauf arbeiten wir hin. Elementar ist, was die Vereine leisten. Die Begabtesten schaffen es ins Regionalkader und später vielleicht ins nationale Juniorenkader. Erst ab 20 ist man im Elite-Kader, wo es wiederum drei Einteilungen gibt. Ins A-Kader schafft es nur, wer an der Weltmeisterschaft Medaillen gewinnt. Uns ist bewusst: Die Talente kommen erst dann zu uns, wenn sie gut ausgebildet sind. Es gibt etliche vielversprechende Sportlerinnen und Sportler, wir sind gut aufgestellt.
Wie sind die Rahmenbedingungen in der Schweiz?
Bemerkenswert ist, dass wir viele an die Spitze bringen, obwohl wir einen kleineren Pool an Läuferinnen und Läufern haben als die skandinavischen Länder. Die Budgetsituation ist immer schwierig, die Professionalisierung nimmt zu. Langfristig werden wir nur mit entsprechenden Mitteln vorne mitmischen können. In anderen Ländern hat der Profi-Sport in der Gesellschaft einen höheren Stellenwert.
Sie haben zur erweiterten Weltspitze gehört. Lehnen Sie sich jetzt nicht lieber mal im Sessel des warmen Wohnzimmers zurück?
Bis vor kurzem trainierte ich etwa 12 Stunden pro Woche, mit dem Hin und Her war ich gut 30 Stunden unterwegs. Zudem verbrachte ich etwa 60 Tage im Ausland. Sport und Bewegung ist mir weiterhin wichtig, das wird sich nicht ändern.
Auch als Läufer sind Sie in der Schweiz weit vorne dabei. 10 Kilometer schaffen Sie in 31:20, die 3000 Meter in 8:30. Wird für Ihr eigenes Training überhaupt Zeit bleiben?
Die Arbeitsbelastung wird sehr unterschiedlich sein. Ich werde aber immer noch Zeit fürs Training finden, denn es ist ein 70-Prozent-Job. Ob ich den Schnellsten folgen kann, kümmert mich ehrlich gesagt nicht. Es wäre aber toll, sie weiterhin etwas herausfordern zu können. Generell trainiere ich einfach, weil ich Spass daran habe.
Und jetzt leiten Sie das Elite-Kader. Was bedeutet Ihnen die Wahl?
Ausserordentlich viel. Und mir ist bewusst, dass ich vieles vor allem Susi und Ueli Schlatter aus Zollbrück zu verdanken habe. Meine Mutter meldete mich nämlich einmal für ein Training bei der OLG Skandia an, meine Eltern bestritten damals noch keine Orientierungsläufe. Die Familie Schlatter nahm mich an regionale und nationale Wettkämpfe mit und gab viele wertvolle Tipps. Generell darf ich erwähnen, dass ich es als Privileg erachte, diesen Job ausüben zu dürfen. Es ist eine Ehre, aber auch eine hohe Verantwortung. Ich freue mich extrem auf die nächsten Jahre.