Direkt vor der Wildtierkamera tun sich zehn Gänsegeier an einem Schafkadaver gütlich. / Bild: zvg
Region Entlebuch: Mit einer Spannweite von bis zu 2,65 Metern sind Gänsegeier imposante Vögel. Derzeit weilt eine Gruppe von rund 15 Exemplaren im Gebiet der Schrattenfluh.
Bis vor wenigen Jahren war der Gänsegeier ein seltener Gast in der Schweiz. Nur einzelne Exemplare verirrten sich hierher. Betrachtet man den Auftretensindex der Vogelwarte Sempach, so erkennt man, dass vor allem seit 2016 immer mehr Gänsegeier einige Zeit hierzulande verbringen. In drei Jahren hat sich die Zahl der Tiere mehr als vervierfacht. «Zwischen 1900 und 1980 gab es insgesamt nur zwölf Nachweise, ab Mitte der Neunzigerjahre wurden jedes Jahr Gänsegeier beobachtet. In den letzten Jahren waren selbst Trupps von 50 Individuen und mehr keine Seltenheit mehr», informiert die Vogelwarte Sempach auf Anfrage.
«Gruppe von 16 Tieren beobachtet»
Natürlich sind die imposanten Vögel auch dem Wildhüter Daniel Schmid aufgefallen. «Ich konnte im Gebiet Schratte eine Gruppe von bis 16 Tieren beobachten.» Einzelne Vögel seien sogar in Fotofallen getapt, die der Wildhüter an sich für den Wolf angebracht hatte. Für die Ökologie seien die Tiere positiv. «Sie räumen anfallendes Aas umgehend weg. Dadurch dämmen sie Krankheiten – wie etwa die Gamsblindheit – ein», erklärt Daniel Schmid. Auch würden die Gänsegeier nicht unbedingt die bereits ansässigen Steinadler oder andere Greifvögel konkurrieren. «Die Gänsegeier ernähren sich rein von Aas. Allerdings beobachten die Geier ihre jagenden Kollegen sehr genau und schauen, ob etwas für sie abfällt.»
Perfekt ausgebeinte Kadaver
Die Gänsegeier sind so effizient, dass sie dadurch die Arbeit des Wildhüters erschweren. «Ein genauer Befund zur Todesursache an einem Kadaver wird sehr schwierig oder gar unmöglich», berichtet Daniel Schmid. «Die Gänsegeier verwerten ein Schaf bis zur vollständigen Skelettierung, so dass kaum eine Faser übrig bleibt.»
Gemäss eines Ornithologen befinde sich in der Gruppe, welche derzeit im Gebiet Schratte durch die Lüfte zieht, auch ein Mönchsgeier, berichtet Schmid weiter. Mit einer Spannweite von bis zu drei Metern handelt es sich um den grössten Vogel Europas. Mönchsgeier in unserer Gegend beobachten zu können, ist ein sehr seltenes Erlebnis. Im Vogelarten-Verzeichnis der Vogelwarte Sempach ist der Mönchsgeier als «Irrgast» vermerkt. Im Gegensatz zum Gänsegeier, der als Zugvogel gilt und den Winter meist in Spanien verbringt, handelt es sich beim Mönchsgeier nämlich um einen Standvogel. Auch bei dieser Art wurden in den letzten Jahren steigende Zahlen registriert.
Viel mehr Gänsegeier in Frankreich
Warum zum Geier kommen immer mehr dieser Vögel in die Schweiz? «Die markante Zunahme der Beobachtungen in der Schweiz ist vermutlich auf ein Wiederansiedlungsprojekt in Frankreich zurückzuführen», sagt Livio Rey von der Vogelwarte Sempach. Der dortige Brutbestand habe sich 2009 auf rund 2000 Paare verdoppelt. «Dass Gänsegeier auch in der Schweiz brüten, ist jedoch unwahrscheinlich: In der Schweiz tritt der Gänsegeier normalerweise erst im April auf, das einzige Ei wird aber bereits im Februar oder sogar schon im Januar gelegt», erklärt Livio Rey weiter.