Mit Fleiss und Ehrgeiz zum Abschluss

Mit Fleiss und Ehrgeiz zum Abschluss
Eine Meisterin ihres Fachs: Nesrin Barmaja beim Herstellen von Remo Reist Schinkengipfeli. Sie bleibt dem Lehrbetrieb treu. / Bild: Remo Reist (rrz)
Langnau: Sie war 29, als sie 2013 gemeinsam mit ihrem Mann und den drei Kindern aus Syrien in die Schweiz flüchtete. Jetzt hat Nesrin Barmaja den Lehr­abschluss bravourös geschafft.

In der praktischen Lehrabschlussprüfung und in der mündlichen Fachkunde als Bäckerin/Konditorin EBA eine glatte 6, in der Theorie eine 5,8: Was sich Nesrin Barmaja seit ihrer Flucht aus Syrien vor gut acht Jahren erarbeitet hat, ist ein Paradebeispiel gelungener Integration. In Syrien war sie Familienfrau, eine Ausbildung konnte sie nicht absolvieren. Kaum in der Schweiz, begann sie zusammen mit ihren Kindern, Deutsch zu lernen; als Muttersprache nennt sie gleichermassen kurdisch und arabisch. 

Sie besuchte Deutschkurse, prägte sich das Alphabet ein, lernte Vokabeln, büffelte Grammatik und hatte damit geliebäugelt, Dolmetscherin zu werden. «Die Zeit, um drei Jahre zur Schule zu gehen, hätte gefehlt. Dann hätte ich die Familie zu stark vernachlässigt, was ich nicht wollte», sagt sie. Heute spricht und schreibt sie dennoch eindrücklich gut Hochdeutsch.


Café International als Fixtermin

2016 sei sie vom Verein Langnau Interkulturell kontaktiert worden. Ursula Kläntschi habe sie überredet, einmal das Café International zu besuchen. Hier treffen sich Menschen verschiedener Kulturen einmal pro Woche. «Ich ging fast immer hin, der Besuch wurde zum Ritual», sagt Nesrin Barmaja. Hier habe sie ihre Sprachkenntnisse gefestigt, denn das Sprechen habe ihr gefehlt. Sie habe stark profitiert und sei nicht zum Spielen hingegangen, sondern mit einem klaren Ziel. Mit der Zeit hat sie dem Verein, Ärzten oder Behörden beim Übersetzen geholfen. «Wenn mich jemand braucht und es nicht allzu zeitintensiv ist, dann helfe ich immer noch gerne», sagt sie. Schliesslich sei sie bereit gewesen, eine Lehre ins Auge zu fassen. Sie schnupperte auch als Köchin, denn das Backen und Kochen haben ihr schon immer gefallen. Die Arbeitszeiten als Bäckerin/Konditorin hätten jedoch besser zu ihrer Lebenssituation gepasst, erklärt sie.


«Das schaffst du sowieso nicht»

Ihr Bruder, der in Libanon lebt, habe ihr klipp und klar gesagt, das schaffe sie eh nicht; schon deshalb, weil sie so früh aufstehen müsse. Auch ihre Schwester, die im Norden Syriens lebt, hatte ihre Bedenken, sie konnte sich unter einer Lehre nichts vorstellen. «Ich erklärte beiden, in der Schweiz sei es üblich, eine Ausbildung zu absolvieren; sie lebe jetzt hier, und darum wolle sie das auch tun», berichtet die heute 38-jährige Frau.

Gesagt, getan, sie begann die einjährige Vorlehre «25 Plus» an der BFF. An zwei Tagen pro Woche ging sie zur Schule, an drei Tagen arbeitete sie bei der Eichenberger Backmanufaktur in Langnau. Johann Eichenberger, ihr Vorgesetzter, erzählt, Nesrin Barmaja habe als Sandwichfrau angefangen. Ihr Ehrgeiz und ihr Wille seien unübersehbar gewesen. Daher habe man ihr die Vorlehre mit Aussicht auf eine Lehrstelle angeboten.


Stark, engagiert und positiv 

Nesrin Barmaja sagt, die Zeit sei streng gewesen, sie habe morgens um 3.00 Uhr mit Lernen begonnen. Gleichwohl hängte sie die zweijährige Lehre an. «Wichtig ist mir: Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig.» Zwischendurch habe sie gedacht, alles werde ihr zu viel, sie habe sich aber immer wieder aufgerafft und neu motiviert, weitergemacht. Johann Eichenberger erzählt, die Kinder hätten ihr offenbar zeitweise sogar verboten, zu lernen – und sie ins Bett geschickt. Das Eichenberger-Team habe sie grossartig unterstützt, dafür sei sie sehr dankbar, betont Barmaja. Sie arbeitet im Ausbildungsbetrieb weiter. Jetzt freue sie sich auf den Lohn als Ausgelernte, daher sei die Zusatzlehre mit EFZ-Abschluss im Moment kein Thema.

Angesprochen auf ihre Rolle im Team, schwärmt Eichenberger: «Sie ist ein wertvolles Teammitglied, voll integriert und wird von allen sehr geschätzt. Wir sind stolz, diese engagierte, starke und positive Frau in unserem Team zu haben.» Besonders bemerkenswert sei für ihn die Note 6,0 in der mündlichen Fachkunde, obwohl Deutsch ja nicht ihre Muttersprache sei. Ginge es nach ihm, dann könnte Nesrin Barmaja jederzeit die EFZ-Lehre anhängen.


Lehrabschluss mit Tochter

Ihre Diplomfeier und diejenige ihrer ältesten Tochter, welche die Lehre als Kauffrau abschloss, fand fast gleichzeitig statt. Angesprochen auf ihren skeptischen Bruder meint Nesrin Barmaja: «Er ist jetzt sehr stolz auf mich und freut sich für mich, dass ich es geschafft habe.» Unter dem Titel «angekommen in der Schweiz» hat sie ihre Vertiefungsarbeit geschrieben. Es sei ihr wichtig gewesen, zu beschreiben, was sie erlebt habe. Sie kenne in der Schweiz einige Syrerinnen, doch kaum eine wähle einen solchen Weg. Sie möchte Leute, die sich in der gleichen Situation befinden, dazu animieren, es ihr nachzumachen.



Weitere Personen, welche vom Verein Langnau Interkulturell unterstützt wurden und nun den Lehrabschluss geschafft haben: Ali Amiri, Sanitärinstallateur EFZ; Happiness Ekemakhor, Hotellerieangestellte EBA; Juli Hassan, Kauffrau EFZ; Karim Yousofi, Schreinerpraktiker EBA; Monaliza Legese, Assistentin Gesundheit und Soziales EBA; Selam Tesfahuny, Restaurantangestellte EBA. 

21.07.2022 :: Remo Reist (rrz)