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Tschaaggebaie

«So, u jitze geits ab go tschaggebaie, e hiube!» Mein Pfarrkollege grinst mich nach dem Weiterbildungskurs an und packt provokativ schwungvoll seine Mappe. Es war erdrückend heiss im Hörsaal der Uni vor zwei Wochen. So heiss, dass sich bei mir als Kursleiterin mit jedem Auftrag an die Gruppe und jedem Grad Celsius mehr auch das schlechte Gewissen erhöhte. 

«Wohin fährst du?» Ob ich ihn richtig verstanden habe? «Tschaaggebaie» – in welchem Seitental dieser Ort wohl liegt? Ich versuche mir innerlich die Geografie des Kantons zu vergegenwärtigen, um mir als gebürtige Zürcherin keine Blösse zu geben. Aber vielleicht ist es ja einfach nur zu heiss. «Ah, ist das hier in der Nähe? Fährst du mit dem Auto dahin, nach…wie heisst das Dorf gleich wieder?», frage ich. «Nach ‹tschaggebaie›», betont der Kollege noch eine Spur genüsslicher als zuvor – und jetzt scheint er es sichtlich auszukosten, dass die breite «Zürischnurre» ihn überhaupt nicht versteht. «Ach so, ja klar, du bist ja Zürcherin! Die kommen am seltensten in ‹Tschaaggebaie› vorbei», sagt er und stellt betont feierabendlich gelaunt seine Mappe auf den Tisch vor mir. Weit ausholend und genüsslich erklärt mir der Bieler Pfarrkollege, dass das echt Bielerisch sei: «Tschaaggebaie» heisst «Füsse baden» – «Tschagge» sind die Füsse und «baie» kommt vom Französischen «se baigner» und bedeutet baden. «Füsse baden?», frage ich ihn verständnislos. Ob er denn ein Kreislaufproblem habe oder Mühe mit dem Sitzen und geschwollenen Füssen. Und gleichzeitig steigt mein ohnehin schon ziemlich grosses schlechtes Gewissen wieder, dass ich bei der Hitze überhaupt Kurs gebe. Mein Kollege lacht herzhaft: «Nein, Gott sei Dank nicht! ‹Tschaggebaie› ist ein Ausdruck, die Füsse und die Seele baumeln zu lassen und Feierabend zu machen.» Dass man diesen hektischen Zürchern auch immer alles erklären müsse... 

«Tschaaggebaie» – was für ein schöner Ort! Nicht nur im Kanton Bern. Züge fahren da nicht hin. Es gibt auch keine Strassenschilder dafür. Aber «Tschaaggebaie» liegt direkt vor unserer nächsten Weggabelung. Deshalb immer gern: Auf Wiedersehen in «Tschaaggebaie»!

30.06.2022 :: Patrizia Weigl-Schatzmann