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Traumkulisse für «Vehfreude»

Traumkulisse für «Vehfreude»
Das Bauernhaus am Spielort in Affoltern wurde 1797 erbaut – dem Geburtsjahr von Jeremias Gotthelf. Text: Samuel Schüpbach
Affoltern/Lützelflüh: Das Theater Lützelflüh steht in den Startlöchern zur neuen Produktion «Die Käserei in der Vehfreude» nach Jeremias Gotthelf. In diesem Jahr spielt das Wandertheater auf dem Hof der Familie Megert auf dem Bühlfeld in der Gemeinde Affoltern.

Bei den Vehfreudiger Bauern wird heftig gestritten, gesoffen und geliebt, wie das Gotthelf-Stück «die Käserei in der Vehfreude» es verlangt. «Ich möchte inneres und äusseres Leben aufrollen für jedes menschliche Auge, zur Selbstschau alle veranlassen», schreibt Jeremias Gotthelf im Jahr 1850 in seinem Vorwort zu diesem Werk. Heute würde man sagen: Den Spiegel vorhalten und in Abgründe schauen lassen, die in jedem Menschen wohnen. 

Im Emmentaler Örtchen Vehfreude hegen die Bauern einen Traum: Ihr Käse soll über die Meere bis nach England, Russland und gar China segeln, und sie alle werden reich, sehr reich. Aber dafür müssen alle an einem Strang ziehen und sich demokratisch verhalten – kein leichtes Unterfangen. Das Änneli träumt hingegen von ihrem Traummann, dem Felix. Aber der ist kein Kostverächter und turtelt sich durchs Dorf. 


Nicht fluchen bei Texthängern

Das Theater Lützelflüh spielt dieses beliebte und turbulente Theaterstück in einer Bearbeitung von Gerhard Schütz vor dem Bauernhaus der Familie Mergert, das im Jahr 1797 erbaut wurde – dem Geburtsjahr von Jeremias Gotthelf. Der Spielort zwischen Lützelflüh und Affoltern ist malerisch und magisch zu nennen, wo heuer das Ensemble nach vier Jahren Spielpause seine Theaterzelte aufgeschlagen hat. 

Noch befinden sich die grossen und kleinen Schauspielenden in den Proben. Es ist die ersten Freilichttheater-Produktion, die Krista Schromm als Regisseurin unter ihre Fittiche genommen hat. Als Ritual stellen sich alle Mitwirkenden in einem grossen Kreis auf. Organisatorisches wird besprochen, Fragen werden beantwortet und Neuerungen durchgegeben. «Heute haben wir zum ersten Mal einen Durchlauf», verkündet die Regisseurin. Nach dem Durchlauf sei zehn Minuten Pause, dann folge eine Besprechung und auch Einzelproben. Es könne durchaus nach 23 Uhr werden, bis Schluss sei, fügt die Regisseurin hinzu. «Wenn ihr Texthänger habt, schaut bitte auf keinen Fall zu mir», verordnet Krista Schromm: «Bloss nicht kommentieren oder fluchen, wenn ein Texthänger passiert! Versucht einfach, die Szene zu retten und helft einander.» Heute gehe es darum, durchzukommen. Die Angesprochenen lächeln etwas schief. «Alles Private wegräumen bitte», heisst es weiter. «Bitte auch den Schmuck ablegen.» Denn das sei nötig, weil Produktionsleiter Samuel Schüpbach Fotos machen werde. 


Von schandmaulig bis tanzwütig

Die Kulisse, die der altehrwürdige Hof liefert, ist wie gemalt für die lebhafte Handlung. Linkerhand warten Kälbchen in ihren Boxen auf die nächste Mahlzeit. Fürs Theater wurde extra ein Gärtlein eingerichtet, in dem es schon stattlich spriesst. Ein überdimensionales Stück Käse aus Holz liegt inmitten der Beete, auf der Wiese daneben prangt ein grosses Käsebrett als zentraler Spielort. Weitere hölzerne Käsestücke werden als flexible Requisiten mal als Sitzgelegenheit, mal als Podest verschoben. Kleines lustiges Detail: Der Käse samt Brett wurde von der Firma Käser Holzbau gefertigt.

Das letzte Rivella-Fläschchen verschwindet, Kopftücher werden nochmals zurechtgezupft und dann beginnt das Spektakel. Die Frau des windigen Händlers Egli beklagt sich, leicht vom Kräuterschnaps angesäuselt, dass sie in diesem Kuhkaff begraben sei und viel lieber im Pariser Vergnügungsviertel Pigalle als Tänzerin auftreten würde. Wie zum Beweis hebt sie mit Schwung den Rock und lässt ihren spitzenbesetzten Liebestöter blitzen. Bauersfrau Eisi fristet ein schandmauliges Dasein, schlägt ihren Mann, wenn er nicht spurt, und verkorkst ihre Kinder Lisi und Bänzli mit abergläubischem Geschwätz über Hexen, die in schwarzen Katzen wohnen. Doch auch erfreuliche Damen gibt es in Vehfreude. Dorf-Schwerenöter Felix nennt sie Anna, obwohl sie sonst nur das Änneli gerufen wird, die ein Verdingkind war und nun bei ihrer Schwester lebt. Nicht nur Anna genannt zu werden, behagt der jungen Frau, sondern auch Felix selbst. Beim Wäsche aufhängen nehmen sich die Bauersfrauen gegenseitig auseinander, nur einig sind sie sich beim Urteil übers Änneli: «Die hat Mannsbilder gehabt wie die Kuhfladen Fliegen», hetzen sie. Doch Anna ist nicht auf den Mund gefallen und fährt ihnen in die Parade. Die Texte sind schon gut parat für den ersten Durchlauf. Die harmonische Stimmung im Ensemble tut ihr Übriges, um bestes Theater zu erwarten. Auf der noch leeren Tribüne sitzen Regisseurin Krista Schromm und Choreografin Selina Gerber und beobachten genau das Bühnen-Geschehen. Ihr beider Lächeln verrät, dass die käsereiche Inszenierung ein voller Erfolg werden wird.

23.06.2022 :: Christina Burghagen (cbs)