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Das Los eines Regenschirms

Allein und verlassen stand er da, in einer Ecke des Kircheneingangs. Am Morgen noch hatte er die Hand von Marti an seinem Griff gespürt. Sie hatte ihn in die Luft gehalten, und er hatte sie vor dem Regen geschützt. Nun war sie weg und hatte ihn vergessen. Nach dem Gottesdienst hatte die Sonne vom Himmel gelacht. Die
Menschen hatten geredet, der Pfarrerin für die Predigt gedankt, sich zum Kaffee verabredet. Bei allem Reden war auch Marti aus der Kirche an die Sonne gegangen – und hatte ihren Schirm vergessen.

So geht es im Leben, dachte er bei sich: Am Morgen noch beliebt und am Mittag schon vergessen. Nun würde es wieder Tage gehen, bis sich jemand
seiner erbarmt. Das ist das Los der Regenschirme: manchmal sehr beliebt, und dann wieder unbenutzt am Verstauben. 

Ob es wohl anderen auch so geht, fragte er sich und begann zu grübeln. An die Blumenvase aus Kristall dachte er, die bei Marti auf dem Buffet stand, weil man die Pfingstrosen so gut darin präsentieren konnte. An die rote Christbaumkugel dachte er: Elf Monate lang muss sie im Estrich in einer Schachtel ausharren, bis sie an Heiligabend geholt und kaum zwei Wochen lang gebraucht wird. 

Ganz philosophisch wurde der Schirm in seiner Ecke. Die schöne Vase könnte nicht tun, was er tut, und die Christbaumkugel sowieso nicht. Seine Aufgabe im Leben war es eben, gegen Regen zu schützen. Manchmal sogar gegen Schnee. Eigentlich schön – so einen Lebenszweck zu haben. Das machte ihn besonders. Und die Vase und die Christbaumkugel? Die waren auf ihre Art besonders. Der Mensch, der sie gemacht hatte, hatte sich dabei etwas überlegt. 

Ob es wohl bei den Menschen auch so ist? Dass jemand sie ganz besonders geschaffen hat? Sicher. Für seine Marti zumindest stimmte das. Mit diesen Gedanken fand der Regenschirm in seiner Ecke an dem Sonntagnachmittag zu innerer Ruhe. Er würde einfach abwarten und die ruhige Zeit geniessen. 


Text: Claudia Haslebacher

02.06.2022 ::