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«Danke» – «Schweig»

Wer Kinder hat, kennt den Satz: «Was seid mer?» Für das Wurstredli beim Metzger. Für das Guetsli bei der Nachbarin. Und für das Mitbringsel vom Gspänli. Danke sagen ist nicht selbstverständlich. Kindern lehren wir es. Weil wir sie lehren wollen, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn man etwas geschenkt erhält. Oder vielleicht einfach nur, weil wir wollen, dass unsere Kinder höflich sind? Kürzlich erntete ich einen bösen Blick, als ich «Danke» sagte. Ich war in einer Schweigewoche. Das mache ich hin und wieder. Weil es für mich erholsam ist, mit niemandem kommunizieren zu müssen und dennoch nicht allein zu sein. In einer kleinen Gruppe waren wir eine Woche zusammen und redeten kein Wort. Wir kochten schweigend, assen schweigend und meditierten – natürlich auch schweigend. Es war kalt in der Kirche, wo ich am Morgen eine Stunde lang auf meinem Schemel sass. Als ich anschliessend in die Küche kam, freute ich mich auf etwas Warmes. Schon wollte ich mir meinen Kaffee auf dem Holzherd aufsetzen, wie ich das in den ersten Tagen gemacht hatte. Da realisierte ich, dass er schon dort stand. Eine Mitschweigende hat mich genau beobachtet und gemerkt, dass ich als erstes gerne einen Kaffee trinke. Schwach gebraut mit wenig Pulver, dafür einen guten Gutsch heisse Milch dazu. Also hat sie, als sie das Frühstück für alle bereitstellte, bereits meine Bialetti aufgesetzt. Heiss dampfend erwartete mich das belebende Getränk. Höflich wie ich bin, rutschte mir unversehens ein «Danke» über die Lippen. Die Kaffeeköchin sagte nichts, aber ihr Blick warf mir ein lautes «Schweig!» rüber. Ich erschrak und realisierte, dass mein «Danke» mehr als eine Höflichkeit war. Mein Herz war wirklich berührt ob der unerwarteten Geste. Sie liess mich erkennen, dass ich ein beachteter und geachteter Mensch bin. Dafür war ich so dankbar – und durfte nichts sagen. Da habe ich gelernt, dass es so etwas wie eine Ohnmacht der Dankbarkeit gibt. Wie viele Kleinigkeiten (und manchmal auch ganz Grosses) im Leben berühren oder erfüllen mich so sehr, dass ich gar keine passenden Worte dafür finde. Aus Verlegenheit suche ich nach Floskeln oder versuche, das
Geschenkte zu überbieten und ein Retourgeschenk zu machen. Es wird dem aber nicht gerecht, was mich berührt hat. Ein einfaches «Danke» genügt. Nicht aus Höflichkeit, sondern aus Dankbarkeit. Oder eben: ein andächtiges, ehrliches Schweigen – und damit verbunden ein Blick in den
Augen, der sagt: Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll.

14.04.2022 :: Lukas Fries-Schmid