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Pflicht oder Kür?

Vor Jahren lebte ich einige Zeit in den USA. Dabei hatte ich die Gelegenheit, den Grand Canyon zu besuchen. Diese Schlucht mit einem Ausmass, wie wir es uns in der Schweiz kaum vorstellen können, ist mir in wunderbarer Erinnerung geblieben. Bei der Anreise fuhren wir mehrere Stunden über eine Hochebene. Felder und vereinzelte Siedlungen wechselten sich ab. Sonst gab es nichts, was die Landschaft strukturierte. Plötzlich standen wir unvermittelt vor diesem riesigen Abgrund. Wie bei einer Bergflanke ging es steil hinab. 

Weit unten wirkte der Fluss ganz klein. Wir schnallten unsere Wanderschuhe, packten den vorbereiteten Rucksack samt Zelt und zogen los auf unsere mehrtägige Wanderung hinab und durch die Schlucht. 

Beim Ausgangspunkt des Wanderweges stand ein Schild, das sich mir eingeprägt hat. Darum erzähle ich diese Geschichte. Auf dem Schild stand: «Runter ist freiwillig, hoch ist Pflicht». Dazu muss man folgendes Wissen. Auf der Hochebene herrschen angenehme sommerliche Temperaturen. Unten beim Fluss hingegen klettert das Thermometer gerne mal auf über 40 Grad. Dort ist man auf sich alleine gestellt: keine Strasse, kein Telefonempfang, keine Hütte. 

Aus eigener Kraft muss man die über 1000 Höhenmeter wieder hinaufsteigen, bei brütender Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit. Das ist wie auf einer umgekehrten Bergtour. Zuerst geniesst man den angenehmen Abstieg. Die
eigentliche Herausforderung steht erst im zweiten Teil mit dem Aufstieg an. Da zeigt es sich, ob man körperlich fit ist und genug Wasser mitgenommen hat. Diese Reihenfolge ist gefährlich. Leider sterben im Grand Canyon immer wieder Menschen, welche die
Verhältnisse unter- und sich selber überschätzen. Immer wieder muss ein Rettungstrupp losziehen wegen Menschen, welche ohne Plan und Vorbereitung losgezogen sind und nicht mehr selber hochkommen. Allzu viele verlassen sich selbstverständlich darauf, dass sie im Notfall bestimmt irgendjemand herausholen wird. Und riskieren somit nicht nur das eigene Leben, sondern auch dasjenige der Retter. Der Abstieg ist ja so einfach und die Landschaft so faszinierend. Verständlich, dass sich das niemand entgehen lassen will. So gehen die Konsequenzen schnell
vergessen. 

Eine Wanderung in den Grand Canyon ist aber wie das richtige Leben. Verantwortung zu übernehmen für sich und andere ist Pflicht. Sich darauf
verlassen, dass im Notfall irgend-
jemand sein Leben riskiert, um einen selber zu retten, ist egoistisch. 

Ohne Pflicht keine Kür.

30.09.2021 :: Lukas Fries-Schmid