Bald klingelt es im Tabakladen in Langnau zum letzten Mal

Bald klingelt es im Tabakladen in Langnau zum letzten Mal
Bild: Schüpbach Rebekka (rsz)
Langnau: Vor 33 Jahren übernahm das Ehepaar Kühni den Tabakladen an der Bernstrasse. Im Juni werden sie das Geschäft definitiv schliessen. Der Laden wird zu Wohnfläche umgebaut.

Die Aufschrift an der Hausfassade ist schon etwas verblasst, das Gebäude eher unscheinbar. Drinnen jedoch empfängt die Besucherin nicht etwa der Geruch nach abgestandenem Rauch. Im Gegenteil: Im kleinen, aber feinen Laden voller Schachteln und Dosen in allen möglichen Grössen und Farben duftet es nach getrocknetem Tabak und Minze. «Heutzutage sind sehr viele Tabakwaren aromatisiert», erklärt Gilberte Kühni später am Küchentisch. Sie selber konsumiere keinen Tabak, ihr Mann Heinz sei seit einem Herzinfarkt im Jahr 2009 ebenfalls Nichtraucher. Heinz Kühni schmunzelt. «Ein bisschen fehlt mir das Husten am Morgen schon», scherzt der frühere Gewohnheitsraucher. Ein Klingeln unterbricht das Gespräch. Heinz Kühni verlässt die Küche, um im Laden nebenan einen Kunden zu bedienen. Es wird noch ein paar Mal klingeln in der nächsten Stunde.


Früher waren Stumpen gefragt

Mit diesem Klingeln ist Heinz Kühni aufgewachsen. «Ich habe schon als Schulbub mit dem Leiterwagen Zigaretten vertragen», erinnert sich der heute 67-Jährige an die Zeit, als seine Eltern das Geschäft führten. Damals hätten sie zusätzlich Kioske und Restaurants mit Tabakwaren versorgt. Auf seinen Botengängen erlebte der junge Heinz so allerlei. Besonders gerne belieferte er einen Kiosk in Bärau. «Dort bekam ich jeweils zwei Franken Lohn und etwas Schokolade», erinnert sich Kühni. Gefragt seien damals insbesondere Stumpen gewesen. Auch «Schigge», also der Konsum von Kautabak, sei noch vorgekommen. Heinz Kühnis Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes 1983 den Laden mit Hilfe der Schwiegertochter Gilberte weiterführte, hat zudem Tabakstaub verkauft. Dieser wurde unter anderem zur Bekämpfung von Hühnermilben oder gegen Blattläuse eingesetzt.

1988 übernahmen Heinz und Gilberte Kühni das Tabakgeschäft offiziell. Weil der gelernte Zimmermann oft auswärts arbeitete, führte meist seine Frau den Laden, zeitweise unterstützt von der Schwiegermutter. «Ich habe mich stets für Tabak interessiert und an Schulungen teilgenommen», sagt Gilberte Kühni. Eine gute Beratung schätzten die Kunden. Dies sei nebst dem grossen Sortiment an Tabakwaren und Zubehör einer der Gründe, weshalb ihre Stammkunden bei ihnen einkauften.


Hockeyspieler brachten «Snus»

Im Laufe der Jahre hat sich der Tabakkonsum und mit ihm das Sortiment verändert: Zuerst lösten die Zigarillos die Stumpen ab, später folgten die Zigaretten. Auch die Tabakpfeife verlor nach und nach an Bedeutung. «Von den vier Schweizer Herstellern von Tabakpfeifen gibt es heute keinen einzigen mehr», erklärt Heinz Kühni. Später kamen die Rauchverbote, und mit ihnen hielt der rauchfreie Tabak Einzug. Schnupftabak sei eigentlich ja nichts Neues, sondern ein uraltes Produkt, weiss Heinz Kühni. In früheren Zeiten hätten es vor allem die noblen Frauen konsumiert. Inzwischen werde meist in Gesellschaft geschnupft. Relativ neu in der Schweiz ist hingegen der Lutschtabak, Snus genannt. Zum ersten Mal begegnet sind die Kühnis dem Lutschtabak in Form von «Makla», einer Sorte die von Hand zu Bällchen geformt und unter die Oberlippe gelegt wird. «Wir haben Makla damals besorgt, weil ein Tunesier uns darum bat.» Später brachten die schwedischen Eishockeyspieler den heute bekannten Snus nach Langnau. Dieser ist bereits in kleinen Beutelchen verpackt, welche ebenfalls unter die Oberlippe gelegt werden. «Als wir das ins Sortiment aufnahmen, war Snus im Kanton Bern noch wenig bekannt», erinnert sich Kühni. Rund 30 Sorten Lutschtabak bieten sie inzwischen an. Fast alle Sorten, die es gibt.


«Wir wollen die Zeit geniessen»

33 Jahre lang drehte sich in der Familie alles um den Laden. Bis wegen Corona die Kunden vermehrt im Internet bestellten, war das Geschäft sechs Tage in der Woche und mindestens zwölf Stunden am Tag offen. Spontane Ausflüge mit der Familie waren kaum möglich, weil immer jemand den Laden hüten musste. Dies nehme heutzutage niemand mehr in Kauf, sagen die Kühnis. Gegen eine Übergabe sprach auch, dass der Laden in der Wohnung integriert ist. Wegziehen wollen die zwei jedoch nicht. Ihre beiden Kinder sind längst ausgeflogen und habe eigene Familien. «Wir wollen nun die Zeit geniessen, solange wir noch fit sind», sagt das Ehepaar. Zum Beispiel spontan bei schönem Wetter wandern gehen oder mehr Zeit mit den vier Enkelkindern verbringen. Viele der Stammkunden werden die beiden vermissen. Gar nicht fehlen werden ihnen hingegen die Einbrüche, die teilweise grossen Sachschaden verursachten. Insgesamt freuen sich Kühnis auf den neuen Lebensabschnitt. Ihr Laden wird nun zu einem Teil ihrer Wohnung. Damit endet die Geschichte des letzten Tabakladens in Langnau.

06.05.2021 :: Schüpbach Rebekka (rsz)