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Anfangszauber

Ich liebe den Anfang des Jahres. Wie schon Hermann Hesse in seinem Gedicht «Stufen» schreibt: «Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.»

Mich kann beinahe nichts so sehr beglücken wie eine neue Agenda.

Diese Oldschool-Agenda aus Papier glänzt vor lauter Anfang. Blitzblanke, leere Seiten strahlen mir entgegen, voller Geheimnisse, voller Zuversicht, dass noch alles möglich ist. Vorsichtig schreibe ich achtsam mit exakter Schrift einzelne Termine ein. Schuldbewusst übertrage ich einzelne Geburtstage von der alten Agenda in die neue. Das Schuldgefühl beruht daher, dass ich mir nicht erklären kann, wie ich es soweit kommen lassen konnte!

Die alte Agenda sieht aus, als hätte sie schon eine Kuh in der «Schnure» gehabt. Ich kann es Ihnen nicht appetitlicher beschreiben. Sie ist regelrecht vom 2020 zerfetzt worden. Ich würde Ihnen ja gerne sagen, dass Corona die Schuld daran trägt. Doch leider ist es bei mir ein alljährlich wiederkehrendes Problem.

Es beginnt knackig frisch, glänzend und mit viel Zeit und Raum!

Dann ab März geht es los: Die Blumen quetschen sich durch den Erdboden, die Tiere erwachen aus dem Winterschlaf und gleichzeitig dreht das Tempo des Jahres erst langsam und dann immer schneller auf. Es geht von einem verschlafenen Schlurfen, in einen guten Marsch rüber, nur um einige Wochen später zu rennen und dann befinde ich mich mitten im Endspurt, ohne dass ich es gemerkt hätte.

Immer weniger nehme ich mir die Zeit für eine achtsame Pflege meiner Agenda. Ich kritzle Termine mit bunten Stiften quer ein, ich streiche sie durch, ich reisse Seiten heraus. Beim Telefonieren fange ich an, den Rand der Seiten mit Kritzeleien zu verunstalten und schlussendlich reisse ich das schöne Deckblatt der Agenda jedes Mal ab, weil ich die Agenda zum hundertsten Mal aus dem Rucksack zwischen all dem anderen Kram
herauszerren muss. So wird jedes Mal alles etwas «lugger» und schliesslich fällt es ganz auseinander. 

Sobald im Radio nur noch «Last Christmas» ertönt, bin ich froh, wenn die Agenda noch insofern zusammenhält, dass ich die Blätter nicht einzeln in einem Mäppchen mittragen muss.

Doch so frisch und knackig wie die Agenda mir dieses Jahr entgegenstrahlt, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass 2021 genau so brutal sein kann mit mir und meiner Zeit wie die letzten 15 Jahre. Vielleicht fängt genau jetzt eine neue Zeit an, mit neuen Verhaltensmustern. Zuversichtlich schreibe ich am Rande des
4. Februars 2021: «Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne!»

04.02.2021 :: Fabienne Krähenbühl