Die Kunstinstallation besteht aus zahlreichen Texten, bunt bemalten Ästen und schwarzen Kleidungsstücken. / Bild: Christina Burghagen (cbs)
Langnau: Wer in diesen Tagen den Viehmarktplatz besucht, wird eine spezielle Kunstinstallation entdecken. Cilgia Rageth macht hier mit ihrem Projekt Menschenzoo Station.
Schon geraume Zeit begibt sich die Künstlerin Cilgia Rageth hierzulande auf die Suche nach Spuren «schwarzer Geschäfte». Und je mehr Entdeckungen sie macht, sei es im Basler Zoo oder in der Stadt Bern, umso entsetzter ist sie. Freilich gehörte die Schweiz nicht zu den Ländern, die Kolonien vereinnahmten. «Aber sie arbeitete mit Kolonialmächten zusammen und schöpfte sozusagen den Rahm ab», sagt Rageth. Das Gleiche gelte für den Sklavenhandel, von dem die Schweiz insofern profitiert habe, als dass sie die von Sklaven gepflückte Baumwolle für die Industrialisierung der Schweizer Textilproduktion verwendete. Und die Rösti wäre auch nicht auf unseren Tellern gelandet, wenn Kolonialherren die Kartoffeln nicht nach Europa gebracht hätten, um auch im Emmental Hungersnöte zu verhindern.
«Ebenso bekannt ist», so Cilgia Rageth, «dass Schweizer Söldner an vorderster Front kämpften, wenn in den Kolonien in Übersee ein Sklavenaufstand niedergeschlagen werden musste.» Darunter auch viele junge Emmentaler, die sich von den Berner Patriziern dafür anheuern liessen – weniger aus Abenteuerlust, sondern aus purer Armut heraus.
Menschenzoos und Völkerschauen
Bis in die 1960er-Jahre war es üblich, Menschenzoos oder Völkerschauen zu veranstalten, um der Bevölkerung «Wilde aus fremden Ländern» zu zeigen. Im Berner Bierhübeli zum Beispiel konnte man ein Abonnement lösen, um ein afrikanisches Neugeborenes regelmässig zu besuchen und zu verfolgen, wie seine Haut mit der Zeit immer dunkler wurde. Diese historischen, erschreckenden Tatsachen hat Cilgia Rageth aufgearbeitet und in ihrer Installation verschmolzen. Als Denkanstoss und zur Sensibilisierung soll ihr Projekt wirken, wie sie sagt.
Leider würden die Spuren von Kolonialismus und Rassismus in vielen Bereichen nachwirken, betont Rageth. Sie verstehe nicht, warum sich Mitmenschen darüber aufregten, nicht mehr Mohrenkopf sagen zu dürfen. Die Spätfolgen des Kolonialismus seien etwa, das sogenannt Fremden vielerorts Geringschätzung entgegenschlage. Jedes Jahr erfasse die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus rund 300 rassistische Übergriffe, Menschen mit schwarzer Hautfarbe würden von der Polizei viel häufiger kontrolliert als Weisshäutige, zählt die Künstlerin auf. All das ist Hirnfutter, wenn Menschen die Kunstinstallation besuchen.
Das Gewand des Sklaven
Die Sklavengewänder befinden sich an der obersten Leine, die Hintergrundtexte hängen mittig und Stellungnahmen von Privatpersonen an der untersten Schnur. Insgesamt 40 Stationen für das Kunstprojekt sind vorgesehen, die letzte soll am Hamburger Zoo Hagenbeck sein. Denn die erste grosse Völkerschau veranstaltete 1874 der Hamburger Carl Hagenbeck. Er gilt als zweifelhafter Pionier – er hatte die Idee, Zoos nicht nur mit Tieren, sondern auch mit Menschen zu beliefern.