Medizinstudenten lernen, die Theorie in der Praxis anzuwenden

Medizinstudenten lernen, die Theorie in der Praxis anzuwenden
Zwei Studentinnen kümmern sich um das Brandopfer. / Bild: Bernadette Waser-Unternährer (wbe)
Schüpfheim: Im Stewi trainieren Medizinstudierende als Ergänzung zum Studium praktische Fertigkeiten. In Schüpfheim durften sie nach dem Corona-Unterbruch wieder üben.

«Gestern Nachmittag um drei Uhr haben wir angefangen», sagt Joel Schlegel. Kleine Gruppen von sieben bis acht Personen trainieren neben dem «Haus an der Emme» mit Reha-Puppe und Defibrillator die Herzmassage. «Am Vormittag standen Asthmaanfälle und der anaphylaktische Schock auf dem Programm, am Nachmittag das ABC-Schema mit Wiederbelebung», erklärt Joel Schlegel. Das Stewi (siehe Kasten) ist ein Wochenende für Medizinstudenten von Medizinstudenten. «Im OK sind wir sechs Personen, jede mit einer anderen Aufgabe», ergänzt seine Kollegin, OK-Präsidentin Noemi Rütsche. «Die letzte Woche war die intensivste Zeit. Und nach dem Stewi geht es gleich weiter mit der Planung für das nächste».

«Mit 80 Studierenden, 17 Figuranten, mehreren Ärzten und Instruktoren sind wir über 100 Leute», fährt Noemi Rütsche fort. «Wegen der Corona-Vorschriften unterteilten wir die Teilnehmenden in vier Gross-Gruppen. Damit sie miteinander nicht in Kontakt kommen, sind sie in vier getrennten Schlafsälen untergebracht. Das benützte Material wird laufend desinfiziert. Zudem herrscht strikte Maskenpflicht.» Trotz der Erschwernisse sei das Wochenende eine willkommene Abwechslung. Wegen Corona seien in den letzten sechs Monaten nicht nur die Vorlesungen, sondern auch alle Trainings mit Patientenkontakten ausgefallen. «Es ist wichtig, wieder üben zu können.» 

Der ideale Ort

«Sie ist tot. Es tut so weh!» Der Schrei einer jungen Frau unterbricht das Gespräch. Die Gruppe ist schnell zur Stelle. Zwei Studentinnen beruhigen die schreiende Figurantin, die anderen kümmern sich um die daneben liegende bewusstlose Frau. Sie stürzte beim Bau einer Baumhütte drei Meter in die Tiefe und erlitt vermutlich eine Rückenverletzung, während ihre Freundin sich einen offenen Schienbeinbruch zuzog. Nach 20 Minuten sind beide Patientinnen versorgt und für den Weitertransport bereit. «Hier ist der ideale Ort zum Üben», stellt Joel Schlegel fest. «Der Gründer des Stewi kam aus Malters und kannte diesen Ort gut. Er ist für alle Teilnehmenden zentral gelegen und dank unserer Sponsoren auch günstig. Das Stewi in Schüpfheim hat Tradition».  

Unter Beobachtung

Hinter dem Haus versammeln sich die Gruppen bereits zum nächsten Einsatz. Lisa und Eliane kümmern sich um eine zitternde, hustende, nach Luft ringende junge Frau mit angesengtem T-Shirt und verbrannten Armen. «Ich habe gekocht, da gab es plötzlich eine Stichflamme», stöhnte die Figurantin. 

Die Studenten im Hintergrund beobachten die Szene genau. Mit gezielten Fragen leitet der Instruktor die Lernenden an. Und diese handeln schnell, verabreichen Sauerstoff sowie ein intravenöses Schmerzmittel und hüllen die am ganzen Körper zitternde Patientin in die wärmende Rettungsdecke. «Sie muss sofort mit dem Heli ins Verbrennungszentrum Zürich. Bringt sie ins warme Auto, bis der Rettungshelikopter kommt», sagt der Instruktor.

«Trainings sind lehrreich»

In der Nachbesprechung werden medizinische Aspekte zu den verschiedenen Arten von Brandverletzungen, Schmerzbehandlungen, Inhalationstraumen und zugeschwollenen Atemwegen behandelt. «Mit Brandverletzten hatten wir noch nie zu tun», kommentieren Lisa und Eliane das Erlebte. «Entmutigend war, dass wir im Gegensatz zu früheren Übungen nicht viel für die Patientin tun konnten. Aber die Trainings sind mega cool. Man kann viel lernen dabei.» 

Inzwischen ist es Zeit zum Abendessen. Danach müssen sich Lisa und Eliane noch mit einem Milzriss-Notfall befassen.

Training in Notfall- und Rettungsmedizin

Das Stewi (Student Trauma & Emergency Weekend) ist ein Verein mit 20 Mitgliedern. Seit 2012 organisiert er in Schüpfheim dreitägige Weiterbildungskurse. Dabei können Studierende der Humanmedizin als Ergänzung zum theoretischen Studium in Kursen und Workshops praktische Fähigkeiten in Notfall- und Rettungsmedizin trainieren.

In den jeweils im Herbst stattfindenden Kursen werden deutschsprachige Studenten der Unis Zürich, Bern, Basel und Fribourg nach der Hälfte des Studiums, im 3./4. Studienjahr, unentgeltlich von Ärzten und Rettungssanitätern unterrichtet. 

Im Frühling, am «Stewi meets EM-Stage», proben seit 2018 Ärzte vor dem Staatsexamen und Rettungssanitäter die interdisziplinäre Zusammenarbeit.

24.09.2020 :: Bernadette Waser-Unternährer (wbe)