Ds Gluggsi

Mit einem schlechten Gewissen klicke ich die Öffnung einer Büchsencola auf.

Der süsse Dampf steigt mir in die Nase. In meinem Kopf zähle ich die Würfelzucker, die schon nur in dieser einen Duftwolke stecken könnten.

Doch fordert mich das heisse Wetter dazu auf, einen Schluck dieses süssen Amerika-Sprudelwassers in mich einzuflössen. Ich führe die Colabüchse zum Mund, ohne mir dabei Gedanken zu machen, wer alles diese schon berührt haben könnte, ohne sie vorher zu desinfizieren, und auch ohne meinen umwelttechnischen «das-ist-im-Fall-eine-Alubüchse»-Vorwürfen Beachtung zu schenken. 

Das klebrige Sprudel-Zeug füllt meinen Mundraum aus. Nebenbei färbt es mir meine Zähne gelb bis bräunlich ein und tropft dann langsam den Hals runter. 

Dann, wie auf Knopfdruck fängt es an, das unscheinbare und doch so aufdringliche Gluggsi.

Ich weiss, es wird in der Gesellschaft mehr akzeptiert als vieles, bei dem sich der Körper von Überdruck befreien möchte. Furzen stinkt, Rülpsen ist unhöflich und kann auch stinken. Niesen, oh du meine Güte, in Zeiten von Corona darf ja nicht geniest werden. Schon gar nicht «gschnüderet» oder gehustet. Aber wen stört schon das lieblich, niedliche Gluggsi, oder für die Luzerner unter uns Hitzgi?

Es wird ja geradezu verniedlicht mit diesem «gsi» und «tzgi» am Schluss. Einschlucken, aufschlucken, so als wäre ein Schluckauf etwas so entspannendes wie atmen. Ein Schluck runter, unendlich Schlucke wieder rauf. Ja, so geht es mir jetzt gerade mit dem Genuss meines Erfrischungsgetränks, bei dessen Konsum ich langsam anfange zu schwitzen. 

Mein Freund, der neben mir sitzt, fängt bei jedem Gluggsi meinerseits an herzhaft zu lachen.

Mal ehrlich, das macht er nie, wenn ich furze, obwohl ich diese Luftablassmethode als einiges befreiender empfinde. Das Gluggsi dagegen nimmt mir den Atem, unterbricht mich beim Sprechen, Denken, Trinken und Essen und je
heftiger und mehr es kommt, umso pochender ist es in meinem Kopf, umso heisser wird es mir und umso mehr nerven die tausend Tipps wie: Du musst einfach an einen Flamingo denken oder dir die Nase und Ohren zu halten und dreimal leer schlucken oder du darfst dich jaaa nicht dagegen auflehnen. Oder die netten Versuche, mich zu erschrecken, um den Schluckauf zu besiegen, die damit enden, dass mein Herz davon wie wild klopft und das Gluggsi im Offbeat mitgroovt.

Nach einer Viertelstunde Flamingo im Kopf gebe ich auf und atme tief ein und aus, schlucke runter und rauf und nehme ihn an, den elenden «Glüggsu», als gerechte Strafe für meine Alu-Amerika-Zucker-Sünde.

17.09.2020 :: Fabienne Krähenbühl