Ich erklär dir die Liebe, Steuerdossier

Alles steht Kopf. Vor der Corona-Krise hatte ich zirka fünf Jobs und in der Corona-Krise noch einen. Für diesen bin ich dankbar. Der Frühling zumindest ist bis jetzt noch nicht abgesagt worden, und so denke ich trotz allem genüsslich: «Jetzt habe ich Zeit, den Frühling ein- und wieder auszuatmen.» Gerade schnuppere ich an einem
«Primeli», doch schon beim nächsten Atemzug zeigt sich ein Termin, der sich so hartnäckig anfühlt, dass kein Virus ihn einfach so abschütteln könnte. Es ist der Termin zwischen mir und meiner Steuererklärung. Mühsam wende ich mich vom «Primeli» ab und winke ihm noch ein letztes Mal traurig zu, während ich singe: «Schön ist es auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein.»

Ich begebe mich nun in die jährliche Quarantäne und verstecke mich hinter meinen «Bigeli» mit allen Belegen und meinem steuerbaren Einkommen. Ich schiebe die Unterlagen von links nach rechts über den Tisch, suche nach Ausreden zum davon huschen, um zu
kuschen vor dieser trockenen Materie. Doch mitten in meinem Widerstand wird mir schamhaft bewusst:
«Ich liebe sie.»

Nicht früher, wahrscheinlich auch nicht später in meinem Leben , werde ich die Steuererklärung je wieder so lieben wie gerade jetzt. Jetzt ist sie die einzige
Sache in meinem Leben, die widerstandslos stattfindet, ohne dass ich mich fragen muss, ob ich sie noch ausfüllen darf, in welchem Abstand ich zu ihr stehen soll oder wie ich mir vorher die Hände zu desinfizieren habe. Ich brauche keinen Zucker, kein Büchsenfutter, keine Teigwaren, kein Toilettenpapier. Sie ist so anspruchslos glücklich nur mit mir und meinen Zahlen! Die Steuererklärung nimmt mich und die Welt einfach an, so wie wir
gerade sind.

Danke, Steuerbaby, ich erkläre dir die Liebe! Du bist so distanziert förmlich und damit eine Meisterin der sozialen Distanz, das Leben mit dir ist wie ein schöner Tanz. Schön, dass du mir mit deinen öden Formularen vorgaukelst, es wäre alles beim Alten! Es ist, als würdest du mir zuversichtlich aus den altbekannten Unterlagen pfeifen: «Don’t worry , be happy!» oder als würdest du auf Taxme.ch laut «Ewigi Liebi, nume für üs zwöi» jodeln!

Ich bin mir sicher, sobald ich anfange dich auszufüllen, wirst auch du , liebes Steuerdossier, dich enthüllen und
spannende Fragen aufwerfen zur aktuellen Situation.

Aber jetzt , genau an dieser Stelle, wo ich die mühsam zusammengesuchten Unterlagen wie jedes Jahr auf dem Tisch umherschiebe, beschämt auf Fristenverlängerung klicke und sich alles so vertraut anfühlt, erkläre ich dir die Liebe, Steuerdossier: «I schänke dir mis Härz, wöu meh hani gli nüm!»

02.04.2020 :: Fabienne Krähenbühl