Alt und kleidsam

Alt und kleidsam
Wiederverwerten: Zehn Kilogramm Kleider schmeissen wir pro Jahr weg – sechs davon werden wiederverwertet. Manche landen in Osteuropa, wo unsere alten Kleider hochwillkommen sind.

«Die ist ja fast neu», sagt Brigitte von Allmen, als sie den Stapel durchsieht und eine grüne Bluse ausbreitet. Die Kleidungsstücke wurden in einem 35-Liter-Kehrichtsack bei der Familie in Wasen abgegeben. Alles ist gewaschen und gefaltet. «Ein sauber gepackter Sack ist meistens ein gutes Zeichen, was den Inhalt anbelangt», hat Brigitte von Allmen die Erfahrung gemacht. Seit drei Jahren betreibt sie ehrenamtlich eine offizielle Sammelstelle der Christlichen Ostmission, die ihren Sitz in Worb hat. Dass sie sich für die Bevölkerung im Osten Europas engagiert, kommt nicht von ungefähr. Kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs lebte sie mit ihrem Mann und den drei damals noch kleinen Kindern während drei Jahren in Rumänien.

«Rund fünf Prozent muss ich aussortieren; vor allem kaputte Kleider», berichtet sie. Dass die Qualität der Kleider gut ist, liege auch daran, dass man die Säcke bei ihr persönlich abgebe und nicht einfach in einen Container schmeissen könne. «Wenn etwas nicht ganz sauber, aber von guter Qualität ist, wasche ich schon mal etwas», fügt Brigitte von Allmen an. Oder sie greift zu Nadel und Faden wie bei jener Kinderstrumpfhose. «Die war ganz schnell geflickt.» Die sortierten Kleider verpackt sie dann wieder in Abfallsäcke. Pro Jahr gehen rund 100 Stück über den Tisch im Keller. Wenn sie eine Ladung beisammen hat, wird diese mit einem Bus der Christlichen Ostmission abgeholt und in das zentrale Lager in Worb transportiert.



Alle drei Wochen ein Lastwagen 

Im Lager der Christlichen Ostmission kommen die Säcke aus Wasen zu den anderen der rund 40 Sammelstellen. Ehrenamtliche Mitarbeitende packen die Säcke dann in grosse Holzboxen (2,30 x 1,20 x 1,00 Meter). «Die Boxen werden vom Sozialwerk Gleis-2 hergestellt», berichtet Barbara Inäbnit, welche in der Schweiz die Kleidersammlung der Ostmission leitet. Sind 26 Holzkisten mit Kleidern gefüllt, werden diese per Lastwagen nach Moldawien, in die Ukraine oder nach Weissrussland transportiert. «Im Schnitt verlässt alle drei Wochen eine Ladung Kleider die Schweiz», berichtet die Projektleiterin.

Wie werden die Kleider in den Ländern verteilt? «Wir haben vor Ort eine Person engagiert, welche die Verteilung organisiert», erklärt Barbara Inäbnit. «Meistens arbeiten wir mit den lokalen Sozialämtern zusammen. Von Armut betroffene Leute erhalten von den ämtern einen Ausweis, mit dem sie eine definierte Menge an Kleidern kostenlos beziehen können.» Damit werde verhindert, dass einzelne Personen ganz viel bekommen und die Kleider dann auf dem Schwarzmarkt absetzen – und wirklich bedürftige Menschen leer ausgingen.

Barbara Inäbnit ist mehrfach in die drei Länder gereist, um sich vor Ort ein Bild zu machen. «Wir sind vor allem in sehr ländlichen Gegenden tätig», erzählt sie. «Ich bin auf Familien gestossen, die eine einzige Garnitur Kleider hatten, nämlich diejenige, die sie getragen haben.» Beim Anblick der grossen Sorgen stimme sie das nach wie vor ohnmächtig. Denn es fehle nicht nur an Kleidern, Schuhen und Decken. «Oft ist auch der Alkoholmissbrauch Grund für die Verwahrlosung: Kinder wachsen auf sich gestellt auf, haben kaum eine Perspektive.» Sie wurde schon oft gefragt, ob dieser Tropfen auf den heissen Stein etwas bringt. «Ja, denn wir erfahren eine grosse Dankbarkeit. Das zeigen die Kontakte mit den Menschen immer wieder», sagt Barbara Inäbnit. «Wenn ich dann wieder zurück in der Schweiz bin, fällt mir auf, auf welch hohem Niveau wir jammern.»



Wenn Hilfsgüter am Zoll stehen 

Wie willkommen ist die Christliche Ostmission in einst kommunistischen Ländern, deren Bewohner fast ausschliesslich der orthodoxen Kirchen angehören? «Es ist in einzelnen Fällen vorgekommen, dass unsere Chauffeure beispielsweise am weissrussischen Zoll während Stunden aufgehalten wurden – obwohl Hilfsgüter zollbefreit sind. Oder in Moldawien gibt es eine Regelung, wonach die Einfuhr von Schuhen verboten ist», weiss Barbara Inäbnit. Probleme mit kirchlichen Institutionen gebe es selten. «Wir verteilen unsere Güter unabhängig der Ethnie oder der Religion. Wir verhehlen aber nicht, dass die Bibel unsere Grundlage ist und zeigen in Gesprächen den christlichen Weg auf.»

1973, als die Schweizer Organisation im kleinen Stil das Hilfsprojekt in Osteuropa aufgenommen hat, sei die Arbeit noch viel schwieriger gewesen, hat Barbara Inäbnit erfahren, welche das Projekt seit sieben Jahren leitet. Der Umfang der Hilfslieferungen ist seither stark gewachsen wie auch die Konkurrenz um die ausrangierten Kleider. «Wir sind froh um alle gut erhaltenen Kleidungsstücke. Vielen Leuten ist wichtig, dass sie konkret wissen, wohin ihre Sachen gehen und dass sie weitergetragen werden», hält Inäbnit fest.

Diese Erfahrung hat auch Brigitte von Allmen gemacht. Gross Werbung mache sie nicht. «Es hat sich offenbar herumgesprochen, dass man bei uns Kleider, Schuhe, Bett- und Küchenwäsche sowie Wolldecken abgeben kann. Im Hinblick auf den nahenden Winter sind diese in den drei Ländern sicher willkommen.»



«Reparieren, statt wegwerfen» lautet das Motto kommende Woche in der Serie «Wiederverwerten».  




«Wiederverwendung von Kleidern ist aus Umweltsicht sinnvoll»
«Die Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz sammeln pro Kopf und Jahr rund sechs Kilogramm Textilien separat. Die restlichen Kleider geben sie entweder privat weiter oder entsorgen sie mit dem Haushaltskehricht.» Dies ist das Resultat einer Studie des Bundesamtes für Umwelt (Bafu). Der gesamte Kleiderverbrauch pro Person liegt bei rund zehn Kilogramm, Tendenz steigend. «Kleider sind verhältnismässig günstiger geworden und werden gleichzeitig weniger lang getragen als früher. Dadurch steigt der Verbrauch pro Kopf», hält das Bafu fest. Dies bleibt nicht ohne Folgen für die Umwelt. Die Kleiderproduktion verschlinge beträchtliche Mengen an Energie, Wasser, Chemikalien und Erdöl, orientiert das Bafu weiter. «Insbesondere der konventionelle Baumwollanbau braucht viel Wasser und geht einher mit einem hohen Pestizideinsatz.» Deshalb rät das Bundesamt für Umwelt: «Zurückhaltung beim Konsum, Textillabels und die Wiederverwendung der Kleider und Schuhe im In- und Ausland sind aus Umweltsicht sinnvoll.» Rund 50’000 Tonnen Kleider werden in der ganzen Schweiz pro Jahr gesammelt. Das Bafu hat erhoben, dass rund zwei Drittel der Kleider noch in solch gutem Zustand sind, dass sie weiterhin getragen werden können. «Sie werden grösstenteils ins Ausland verkauft», hält das Bafu weiter fest. Aus den nicht mehr tragbaren Kleidern entstehen Putzlappen oder Rohmaterial für Recyclinggarne oder Dämmstoffe. 

Mehr Kommerz denn Hilfe? Dass alte Kleider verkauft, statt gespendet werden, sorgte in der Vergangenheit mehrfach für Unmut. «Ganz so falsch ist der
Eindruck nicht, dass jenseits der Sammelcontainer vom karitativen Charakter der Kleiderspende oft nur noch wenig zu spüren ist», hält die Stiftung Umwelt-Schweiz fest. «Tatsächlich ist das Geschäft mit unseren abgelegten Textilien eben weitgehend auch das: ein Geschäft.» Das zeige sich auch darin, dass sich die grossen Altkleidersammler in den Gemeinden gereizte Konkurrenzkämpfe um Containerstellplätze lieferten. «Zwar lässt sich festmachen, dass sich die Profite der Altkleidersammlungen auch nach Abzug aller Aufwände durchaus noch sehen lassen können», schreibt die Stiftung Umwelt-Schweiz weiter. «Jedoch werden diese Profite in der Schweiz dann weitgehend (zu 90 Prozent, vermeldet Texaid) auf gemeinnützige Zwecke und Organisationen verteilt.» Macht die Altkleidersammlung so überhaupt Sinn? «Ja», meint die Stiftung Umwelt--Schweiz. «Aus ökologischen Sicht ist sowieso wenig einzuwenden. Der Hebel ist weit zuvor bei der überdimensionierten Textilproduktion, bei deren Produktionsbedingungen und dem massiv angeheizten Kleiderkonsum anzusetzen.» 

10.10.2019 :: Bruno Zürcher (zue)