Oberthal: Seit 70 Jahren singt Paul Wüthrich im Männerchor Oberthal. Und er hat noch nicht genug, denn Singen ist seine Passion.
Stolz erzählt Paul Wüthrich: «Seit ich im Männerchor mitmache, singe ich immer 1. Tenor.» Dies sei alles andere als selbstverständlich, denn viele müssten im Alter in eine tiefere Tonlage wechseln. Für Paul Wüthrich war und ist es immer noch eine schöne Zeit im Männerchor Oberthal. Gerne erinnert er sich an die Anfänge.
Als 17-Jähriger trat er vor 70 Jahren in den Männerchor ein. «Die Wahl fiel mir leicht, denn das Freizeitangebot in Oberthal war zu dieser Zeit nicht gerade üppig», sagt Paul Wüthrich. Die Hornusser, die Schützen und eben der Männerchor boten sich an. Einen Jungschützenkurs machte er mit, aber fortan widmete er sich mit ganzer Kraft dem Singen. In den ersten Jahren ging er zusammen mit seinem Vater zu Fuss von seinem Wohnort, Blasen, zum Schulhaus Oberthal zur Probe; später mit dem Jeep.
In den Statuten des Männerchors steht geschrieben: Wenn einer heiratet oder sein erstes Kind bekommt, muss er ein Fässli Bier spenden. «Als ich Zwillinge bekam, habe ich die Kameraden überlistet und nur einmal bezahlt», erzählt er und freut sich noch heute über diesen Streich.
An jedem Sängertag dabei Der Sängertag in Konolfingen, heute Chorverein Konolfingen, war immer ein Höhepunkt im Vereinsleben. «Ich habe nie einen Sängertag verpasst, denn da muss man als Sänger einfach dabei sein», ist der Oberthaler überzeugt.
Seine ganze Freizeit widmet Paul Wüthrich dem Singen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er seit 40 Jahren im Regimentschor Grosshöchstetten mitsingt und in dem 1999 gegründeten Veteranenchor Biglen und Umgebung mitmacht. Während 15 Jahren – bis Ende des vergangenen Jahres – war er Sekretär des Chors. «Wir üben je dreimal pro Jahr im ‹Pintli›, Grosshöchstetten, in der ‹Eintracht›, Oberthal, im ‹Rössli›, Arnisäge und im ‹Sternen›, Walkringen. Unsere Auftritte sind dann jeweils in den Kirchen Walkringen, Biglen und Bowil», erklärt der begnadete Sänger. Daneben machen die Chormitglieder am Sängertag mit und tragen ihre Lieder in Altersheimen vor.
Der Männerchor Oberthal heute Paul Wüthrich schätzt die Kameradschaft und den Zusammenhalt im Männerchor. Viel Schönes hat er in den vergangenen 70 Jahren erlebt: Die jährliche Männerchorreise sei jedes Mal ein Highlight. So erinnert er sich gerne an seine erste Reise. «Zwei Tage ins Wallis, ein unbeschreibliches Erlebnis für einen jungen Sänger», schwärmt er noch heute. Oder da war noch die Reise 2018 in die Innerschweiz nach Engelberg. Es gibt auch Schmerzliches zu verkraften im Verein. Besonders betroffen macht ihn jeweils, wenn sie von einem Sängerkollegen für immer Abschied nehmen müssen – so zum Beispiel von Hans Blaser, der 65 Jahre im Männerchor gesungen hatte und kürzlich verstorben ist. Sie haben ihm zum Abschied in der Kirche gesungen.
Paul Wüthrich spricht eine weitere Sorge des Vereins an: «Leider haben wir keinen Nachwuchs. Uns geht es wie anderen Männerchören, wir sind überaltert», meint der Veteran.
Auf die Frage, wie lange er noch in den verschiedenen Chören singen wolle, antwortete der 87-Jährige: «So lange ich noch kann und man mich braucht, denn Singen ist meine Passion.» Auch das Schreiben war lange Zeit eine seiner Freizeitbeschäftigungen. Unter dem Kürzel «pwo» schrieb Paul Wüthrich über 20 Jahre als Ortskorrespondent für die «Wochen-Zeitung».