Mittagszeit in den Winterbergen. Die Sonne wärmt mein Gesicht, und meine Nase steckt so tief in einem guten Buch,
dass ich die Zeit vergesse. Lediglich der schreiende Junge, den die «blödi Sunne bländet» und der partout keine
Sonnenbrille aufsetzen will, lenkt mich ein wenig ab. Sogleich ertappe ich mich beim Gedanken, wie froh ich bin,
dass meine Jungs dieses Alter hinter sich haben - wobei man zugeben muss, dass die Pubertät einen ab und an
gnadenlos zurück ins Kleinkindalter katapultiert. Bald findet meine Ruhe ein endgültiges Ende, als meine Skisportler
das Beizli erreichen und lautstark anmelden: «Mir hei Hunger!» Also stellen wir uns im Selfservice-Restaurant in die
Schlange. Das Warten auf Schnitzel und Pommes scheint sich ins Endlose zu ziehen. Der Koch fragt dreimal nach, wie
viele Schnitzel es sein sollen - ja, richtig: Neun Stück. Heute sind wir mit vier pubertierenden Teenagern unterwegs
und der Hunger ist entsprechend riesig. Freundlich lächelt die Frau hinter der Theke und meint: «Es chunnt grad.»
Nachdem Hunger und Durst gestillt sind, geht es für die Sportler zurück auf die Piste. Ich meinerseits freue mich,
gemütlich auf dem Schaffell, meinen Tee, ein Schoggistängeli und mein Buch weiter zu geniessen. Schon nach einigen
Zeilen fällt mir die französisch sprechende Familie links von mir auf. Die roten Wangen des Jüngsten zeugen davon,
dass sie lange Ski gefahren sind und sich eine wohlverdiente Pause gönnen. Die drei Kinder freuen sich über die
Flasche Cola, und schon werden die Jasskarten hervorgeholt, um eine Runde zu spielen. Ganz nebenbei zerbricht sich
die Familie kollektiv den Kopf darüber, wie ein Waldkauz wohl auf Französisch heisst. Rechts neben mir der Tisch für
die Angestellten. Nachdem Servicepersonal und Koch wieder an die Arbeit zurückgekehrt sind, wird angeregt mit dem
Geschäftsführer diskutiert, welche Möglichkeiten es für das Marketing in der Bergregion gibt. Weiter vorne gesellt
sich eine Gruppe junger Männer und Frauen, deren Jacken verraten, dass sie in der örtlichen Skischule arbeiten, an
einen Tisch. Sie gönnen sich eine Pause bei einem kühlen Bier - ob zum Durchatmen nach anstrengender Kundschaft oder
einfach, um einen Moment Ruhe zu geniessen, werde ich wohl nicht erfahren. Wer meint, das Beizli auf der Skipiste
diene nur der Nahrungsaufnahme für Wintersportler, hat weit gefehlt. Hier werden Geschichten erzählt, Einblicke in
das Leben gewährt und kleine Freuden des Tages geteilt. Als ich das Beizli verlasse, lächelt «d'Serviertochter» mir
zu und wünscht einen schönen Tag - der kleine Moment, der meinen Besuch perfekt abrundet.