Schlangentango

Während des Gymnasiums betätigte ich mich als Führer einer Wolfsmeute. Neben der sinnvollen Freizeitbeschäftigung ist in der Pfadibewegung die Erziehung zu sozialer Verantwortung zentral. Sinnbildlich dafür mag das Lied «Das isch der Schlange ihre Tanz» dienen. Es symbolisiert das Zusammenwachsen einer Gruppe, bei der ein Kind (die Schlange) die anderen Kinder durch eine Tanzbewegung in einer Art Polonaise in ihren Schwanz integriert, bis alle Teil der Schlange sind. Unser kleines Anwesen im Tessin befindet sich auf einer Lichtung in steilem Gelände. Wir sind umgeben von einem Mischwald aus Ahornen, Birken, Buchen, Eichen, Haseln, Kastanien, Linden, Mehl- und Vogelbeeren. Im Herbst fällt da ordentlich Laub an. Bis vor wenigen Jahren sorgte jeweils der Schnee dafür, dass ein Grossteil der Blätter verrottete
und in wertvollen Humus verwandelt wurde. Neulich las ich in der Zeitung, dass sich die durchschnittliche Oberflächenwassertemperatur des Mittelmeeres seit den 1980er-Jahren um 1,5 Grad erwärmt hat. Die Winter sind durch die Klimaerwärmung deutlich schneeärmer geworden, was wiederum zu Problemen führt: Das Laub bliebt liegen und birgt so erhöhte Rutsch- und Waldbrandgefahr. Idealerweise muss es vor der Wachstumsperiode zusammengerecht und aus dem Gras entfernt werden, damit dieses nicht erstickt. Wir füllen die Blätter dann jeweils in Helisäcke und bringen sie zurück in den Wald. So auch diesen Frühling. Ich hatte gerade einen Sack geleert und befand mich gedankenversunken auf dem Rückweg zum Laubhaufen. Dabei überraschte ich eine Schlange bei ihrem morgendlichen Sonnenbad. Schlangen hören sehr schlecht und reagieren hauptsächlich auf Bodenvibrationen, so dass sie meistens schon weg sind, wenn wir in ihre Nähe kommen. Da ich aber von unten eine Steintreppe hochstieg, hörte sie mich offensichtlich nicht und wir waren plötzlich auf Augenhöhe. Die Schlange schoss geradewegs auf mich zu, weshalb ich ziemlich hysterisch mit dem Helisack wedelte. Weil ich mich offenbar direkt zwischen ihr und ihrem Versteck befand, vollführten wir unsere eigene Form des Schlangentanzes, gleichsam eine Art Schlangentango - sie vor, ich zurück, ich vor, sie zurück, ich zurück, sie vor. Erst als ich mich ein paar Schritte rückwärts bewegte, verschwand das Reptil in der Trockenmauer und das eher komisch anmutende Schauspiel hatte ein Ende, bevor uns jemand beobachten konnte. Frei nach dem Motto «Jedem Lebewesen sein angestammtes Plätzchen» ging es für einmal nicht um Integration.

04.06.2026 :: Niklaus Müller

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