Tierisch(e) Angst

In meiner letzten Kolumne habe ich mich mit dem Hang zu Übertreibungen und Flunkereien befasst. Auch

ich hatte als Kind eine blühende Fantasie, und mit der Wahrheit nahm ich es nicht immer so genau. Einmal, ich war wohl etwa in der dritten oder vierten Klasse, kam ich vom Spielen im Giebelwald nach Hause und prahlte voller Stolz: «Ich habe einen Fuchs gesehen!» Mein Vater, der mich nur zu gut kannte, durchschaute mich sofort, spielte das Spiel aber brav mit. Wo denn der Fuchs genau gewesen sei und wie er ausgesehen habe, wollte er wissen. Irgendwann fühlte ich mich so in die Enge getrieben, dass ich kleinlaut zugab: «Ömu rot isch es gsy u Angscht hani gha!» Und Angst war mir (mindestens) bis zum Eintreten der Pubertät eine treue Begleiterin. Das Alleinsein – insbesondere am Abend und in der Nacht – war gar nicht mein Ding.

Viele Jahre später, ich weilte in den Herbstferien mit meiner Liebsten im Tessin, riss uns mitten in der Nacht
ein furchterregendes Gebrüll aus dem Schlaf. Ich war mir sicher, dass es sich um einen Bären handelte, der sich 

entweder aus dem Trentino oder aus dem Nationalpark zu uns verirrt haben musste. In meinem Kopf spielten sich sogleich die wildesten Szenen ab. Dazu müssen Sie wissen, dass ich schon etliche Dokumentarfilme  gesehen habe, in denen ein hungriger Bär mit seinen Pranken eine Türe scheinbar mühelos zu Kleinholz verarbeitet hat. Ausserdem geht es in einem meiner Lieblingswitze um eine Bärenjagd in Kanada. Aber für den ist hier jetzt kein Platz, darum zurück ins Tessin. Unsere Türen sind erstens auch aus Holz und zweitens nicht eben dick. «Hoffentlich dringt er wenigstens durch die untere Türe ins Haus ein, so kann ich ihn mit dem Feuerhaken aus dem Zwischengeschoss in die Flucht schlagen», flüsterte ich. Worauf ich von meiner Partnerin bloss ein mitleidiges Lachen erntete. Sie hatte nämlich längst realisiert, dass es sich bei der gefährlichen Bestie keineswegs um einen Bären, sondern «bloss» um einen röhrenden Hirsch handelte. Ich finde Hirsche unglaublich faszinierende Tiere. Während der Paarungszeit kann ein männliches Exemplar gut und gerne vierzig Kilogramm an Körpergewicht verlieren. Und die Tatsache, dass ein Stier jeden Frühling sein bis zu fünfzehn Kilogramm schweres Geweih abwirft und durch ein noch imposanteres Exemplar ersetzt, verdient höchste Bewunderung. Auf eine nächtliche Konfrontation mit einem brüllenden, dampfenden und sabbernden Hirschmännchen verzichte ich aber trotzdem nur allzu gerne.

09.04.2026 :: Niklaus Müller

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