Es hat «fängs» an jeder Ecke einen Essensstand in Bern. Das hat es früher so nicht gegeben, betont mein Vater mit
Nachdruck. Früher gab es vielleicht eine Bäckerei und eine Pizzeria, vielleicht auch ein Kiosk und einen
Snackautomaten. Ja, so kleine Tante-Emma-Lädelis oder einen Chocolatier, sowas gab es schon. Aber doch nicht alle
paar Schritte und jeden vierten Atemzug ein «Take-away-hurti-hurti-Fressstand». Doch nicht Bretzelkönige und
Coffee-Queens to go überall. Und wenn Kafi getrunken wurde, dann sicher nicht im Gehen, nicht englisch, nicht «to
go», sondern «höcklend». Das klassische «Käffele», eben. Mit dem «Füdli» ist man damals fest verankert auf einem
Stück Holz gesessen und hat womöglich auch noch eine geraucht. Heute ist alles etwas anders: Fruchtsmoothie, dazu
joggen, tippen und anschliessend E-Zigarette dampfen. Item, um beim Thema zu bleiben. Ich bin heute in Bern und
suche nach einer «Hurti-Hurti-Take-away-Essgelegenheit». Getrieben vom «Ich-muss-pressieren-Syndrom» schaue ich mich
nach Schnellfood um. Draussen «hudlets» und «chutets» und «schiffets» und gerade jetzt sind diese schnellen
Essgelegenheiten einfach vom Wind verweht. Die Bäckereien haben schon zu. Ansonsten begegnet mir nur Frischfleisch
auf Fitnessgeräten bei jedem zweiten Schaufenster. Ja, Papa, die Zeiten ändern sich und auch die Geschmäcker. Ich
irre umher und suche mit knurrendem Magen nach etwas anderem als McDonalds. Bis ich endlich ein indisches Lädeli
entdecke: «Take-Away» steht in Grossbuchstaben geschrieben. Ich entscheide mich
für einmal Soja- und einmal Chickenrolle. Diese esse ich durch den Regen rennend, am schwitzenden Frischfleisch
vorbei. Dabei frage ich mich,
warum ich mir die Zeit nicht nehme, kurz auf einem Stück Holz, verarbeitet zu einem Stuhl, Platz zu nehmen um
dem Gaumengenuss gewahr zu werden. Doch das geht leider
nicht, der Grund ist schlicht und einfach. Würde ich das machen, dann würde ich zur Ruhe kommen, ankommen,
eventuell sogar fühlen oder spüren. Ich könnte dann zwar im schlimmsten Fall noch das Smartphone zücken, um zu
überbrücken. Doch selbst das halte ich lieber während dem Rennen und Kauen in der einen Hand, während ich mit
der anderen die indischen Rollen umklammere. Ja, die Zeiten haben sich verändert, Papa, wir sind jetzt eben
gesünder, haben Schrittezähler-Apps und sorgen gut für uns, am Abend machen wir Yoga und
das gibt alles zu tun, deshalb
bestellen wir am liebsten: Einmal Chicken Curry und zwar Dalidali.