Josef, das Weihnachtskind im Frottiertuch und ich

Weihnachten ist schon lange vorbei, mit dem «all I want for Christmas ist youuuu» kann man die Leute mittlerweile wieder jagen, die Dekosterne sind zurück im Schrank, der Königskuchen aufgegessen und schon bald kommt die Zeit, in der man wieder in jeder Ritze Konfetti findet.

Doch obwohl das Fest der Liebe so schnell wie jedes Jahr vergangen ist, blieb mir doch eine Aussage meiner Schwester in Erinnerung. Auf dem Heimweg vom Gottesdienst zurück in die warme Stube sagte sie zu mir: «Nie durfte ich die Maria spielen.» Damit hatte sie recht.

Das Krippenspiel ist mittlerweile abgeschafft, doch als meine kleinste Schwester vor Jahren in der Weihnachtszeit zur Welt kam, stellte sie im Krippenspiel das Jesuskind dar. Zu Hause wurde diese Szene wieder und wieder nachgespielt. Die Rollenverteilung war immer gleich. Meine kleinste Schwester war das in ein Frottiertuch gewickelte Jesuskind, klar, meine andere Schwester war Josef und ich, die älteste, war Maria, auch klar. So sassen wir zu dritt auf den kleinen Ikea-Plastikstühlen. Josef wollte lieber Maria sein. Jedes einzelne Mal einigten wir uns darauf, dass ich noch
einmal Maria spielen durfte, sie aber ganz sicher beim nächsten Mal.

Im Kleinkindalter stritt ich mich oft mit jener Schwester, die immer Josef spielte. Weil ich die ältere war, sollte
sie genau das machen, was ich wollte. Zu meinem Leidwesen funktionierte das nicht immer so reibungslos wie beim Krippenspiel.

Wenn ich nicht mehr weiterwusste, drohte ich: «Wenn du dies nicht machst, spiele ich nie wieder mit dir.» Am Anfang zog diese Floskel recht gut. Doch irgendwann durchschaute sie mich und begann, sich zu wider­setzen. Sie konnte sich nämlich selbst gut beschäftigen, ich jedoch brauchte immer jemanden zum Spielen. So ging es meist keine halbe Stunde, bis ich an ihre Zimmertür klopfte und fragte, was wir denn nun tun wollten. Oftmals wurden aus den kleinen
Engelchen, die im Beisein fremder Menschen kaum den Mund öffneten, kleine Teufelchen, die provozierten und sich die Zunge rausstreckten.

Die Streite von früher sind nun (fast) vergessen. Heute schlagen wir uns mit anderen Problemen herum als mit der Rollenverteilung im Krippenspiel, jetzt ist es viel wichtiger, das letzte Mate im Kühlschrank zu erwischen.

Und nun, da die Kolumne fertig geschrieben ist, gehe ich als erstes zu meiner Schwester und frage sie, was sie darüber denkt.

29.01.2026 :: Lea Bühlmann