Mein aktueller Hyperfokus: das Ergrauen meiner Haare. Während andere entspannt in diesen Prozess gleiten, ging ich sofort mit Haarmascaras, Ansatzpuder und Abdeckungsfarbe in die Verdrängung. Bis mich Kate Winslet fadengrad mit der Realität konfrontierte. Ich traf die britische Schauspielerin vor ein paar Monaten zum Interview. Anstatt auf meine Fragen zu antworten, sah sie mich lange prüfend an und sagte dann: «Hören Sie auf, Ihre Haare zu färben. Grau steht Ihnen viel besser.» Unter dem Schwergewicht dieser Einschätzung - nein: der Einschätzung von DIESER Frau! - habe ich meine weissen Strähnen dann doch noch ein paar Mal mit einer Tönung kaschiert. Ich hatte jedes Mal ein schlechtes Gewissen, ihrem Rat nicht zu folgen und mehr noch: den Feminismus zu verraten, der das natürliche Ergrauen von Frauen als Akt von Selbstakzeptanz und Emanzipation abfeiert. Es war mir unangenehm, mich gegen die Natur zu wehren, die alles will, nur nicht, dass wir hässlich aussehen. Andererseits fiel mir das Loslassen meiner jahrelangen mystischen Schwarzhaaridentität halt einfach furchtbar schwer. Pünktlich zum neuen Jahr habe ich mich nun aber doch schon mehrere Zentimeter in die Grauzone hineingewagt. Die Entscheidung, die letzte Packung Ansatzfarbe in meinem Badezimmerschrank nicht mehr zu brauchen, erfolgte erstaunlich unbewusst. Es rückten ganz einfach wichtigere Dinge an die Stelle der Nachfärberei - neue berufliche Herausforderungen, ein Strickprojekt und mein Neujahrsvorsatz, wieder öfter und ausgiebiger zu feiern. Und ja, mag sein, dass ein Teil von mir sehen wollte, ob Kate Winslet richtig lag. Ob mir das natürliche Grau, oder Weiss, ich kann es immer noch nicht ganz abschätzen, wirklich besser steht. Noch kann ich es nicht abschliessend beurteilen. Aber mein Alltag ist auf jeden Fall aufregender geworden, seit ich mich dem Farbwechsel hingebe. Ich freue mich jeden Morgen auf die neusten Entwicklungen in meiner Typveränderung, trage Farben, die ich lange mied, und finde sie okay an mir. Auch die Komplimente verändern sich. Sagte doch kürzlich ein Kollege zu mir, das Licht der Strassenlampen würde sich nachts so schön in meinen weissen Strähnen reflektieren und mir einen neuen Glanz verleihen. Macht mich das Meliertsein zufriedener? Nicht so sehr, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, zu meinem Schwarz zurückzukehren. Aber im Moment erfreue ich mich an der Tatsache, dass mein Leben ausgerechnet durch das Ergrauen bunter geworden ist.