Mein halbes Umfeld kennt sie, die Geschichte, wie ich während meiner Ausbildung zur Privatdetektivin in einem
Brandstiftungsfall den Lock-vogel spielen musste. Und wem habe ich nicht alles schon erzählt, dass meine Schwester
eine Zeit lang auch meine Tante war, und mein Mann und ich uns nach zwei Jahren Ehe haben scheiden lassen, ohne uns
je zu trennen. Doch noch nie war ein Gegenüber ob meiner Offenbarungen so lange so perplex wie kürzlich in der
Skivermietung.
Auf die Frage der Mitarbeiterin, was für eine Fahrerin meine elfjährige Tochter denn sei,
antwortete ich wahrheitsgemäss, sie sei übearhaupt noch nie auf Skiern gestanden. Stille! Dass die Frau eine
Erklärung erwarten könnte, kam mir gar nicht in den Sinn. Und dass das nur ein Spässchen meinerseits gewesen sei,
hätte ich auch nicht behaupten können, ohne zu lügen. Also war es die Verkäuferin, die den Faden nach einer
gefühlten Ewigkeit wieder aufnahm, und sagte, dann müsse sie wohl in den Keller. Zum «fehlerverzeihenden»
Skischuh-Sortiment.
Während wir warteten, fiel mir meine alte Snowboardhose ein, die ich kürzlich im Keller
wiederentdeckte. Ich hatte sie tief in den 90er-Jahren vom heutigen Feuerwehr-Ortskommandanten nachtragen dürfen.
Sie reichte mir damals schon bis zum Hals, und ich denke, das tut sie auch heute noch - wie gesagt, ich habe sie
zuletzt vor 30 Jahren getragen. Seit meiner Mündigkeit, oder anders gesagt seit dem Ende der obligatorischen
Skizeit, hielten mich unzählige Gründe vom Pistengaudi ab. Der Zeitaufwand, das mühsame Anreisen, wenn man kein Auto
besitzt, aber viele Kinder transportieren muss, die horrenden Kosten, die Abfahrten mit angelaufener Brille und
logisch, die Unfallgefahr. Bis heute sind meine schlimmsten Albträume die, in denen ich abbügeln muss.
Überhaupt
hatte ich immer schon eine ganz eigene Vorstellung vom Auf-die-Piste-gehen. Und ich wage zu behaupten, dass sich die
Erfahrungen, die ich auf diesem Weg gesammelt habe, mindestens ebenso positiv auf das Wohl meiner Kinder auswirkte
wie ein paar Schneetage in den Bergen.
Selbstverständlich sorge ich nach dem kürzlichen Erlebnis in der
Vermietung aber dennoch dafür, dass sich meine Tochter an das ungeschriebene Schweizer Schneesportgesetz
hält.
Und zwar zumindest solange, bis es in den Bergen entweder keinen Schnee mehr gibt, sie nach meinem Vorbild
ein Leben lang beim letzten Après-Ski hängen bleibt, oder sie - genau wie ich in den letzten Jahrzehnten - auch in
den Niederungen schon genug zu stemmen hat.