Vom Haaggeschaaggi

Der Haaggeschaaggi ist ein grausiger Kärli. Er wohnt im Dreck. Er haust im Bschüttloch. Und wenn du dich aufs Plumpsklo hockst, dann spürst du seinen kalten Atem an deinem nackten Füdeli. Der Haaggeschaaggi hat einen Hakenstecken und es kann gut sein, dass er einmal nach dir hangelt. Darum gib acht und fürchte dich, besonders gerne zieht er nämlich die Kinderlein zu sich herab in sein stinkiges Reich... Wo ich aufwuchs, diente uns ein düs­terer Verschlag als Toilette. Darin befand sich eine Holzbank mit einem Loch, auf welches man sich setzte, um sein Geschäft zu verrichten. Das Loch war eine Öffnung zur Jauchegrube. Ein weiteres rundes Loch, etwas erhöht, oben an der Tür liess ein wenig Licht herein. Es gab zudem eine einfache Vorrichtung, mit welcher man die Tür verriegeln konnte. Ich war oft im Clinch: Sollte ich abschliessen, um der Blamage zu entgehen, mit heruntergelassener Hose ertappt zu werden, oder die Tür einen Spaltbreit offenlassen, damit ich fliehen könnte, sollte sich unter mir der Haaggeschaaggi regen? Meist entschied ich mich für letzteres. Oh, was habe ich ihn gefürchtet, diesen dreckigen Kumpan. Ich kann nicht mehr mit Gewissheit sagen, wer von ihm erzählt hat. War es Grossmutter, war es Nachbars Knecht, war es die Lise? Ich müsse nicht alles Fürchterliche glauben, was mir erzählt werde, hat Mutter beteuert, den Haaggeschaaggi gebe es gar nicht. Geglaubt habe ich ihr nur halb und am wenigsten dann, wenn ich auf den Abort musste. Oder gemusst hätte. Der Spuk mit dem Haaggeschaaggi endete, als wir ein neues Badezimmer erhielten. Eines mit Badewanne und Toilettenschüssel, einer richtigen aus Keramik und mit Wasserspülung und einem Siphon, durch welchen unmöglich ein Hakenstecken gepasst hätte. Das Holzhäuschen mit dem Scheissloch wurde abgerissen und der Boden mit Brettern vernagelt. Welche Erleichterung! Von anderen Bauernhofkindern weiss ich, dass Jauchegruben-Schauermärchen auch auf deren Höfen aufgetischt wurden. Dort war es der Hööggemöh oder der Pöögguma. Den Kindern diese Schreckgestalten weiszumachen hatte vermutlich eine erzieherische Absicht zum Ursprung. Schliesslich wurde auch anderer Hafenkäse herumgereicht: Von zu vielem Fernsehen kriegt ihr viereckige Augen, vom Flüstern gelbe Zähne und grosse Ohren und vom Lügen wird euch das Herzchen schwarz. Man hätte auch einfach Klartext reden können: «Geh nicht zu nah an die Jauchegrube, das kann sonst gefährlich werden». Darum ging es doch letztlich, oder?

07.05.2026 :: Peter Heiniger

Weitere Artikel