Ich habe ein neues Wort gelernt: Frequenzillusion. Auf Berndeutsch gesagt bedeutet das nichts anderes, als dass
einen das Hirn verarscht. Es macht die Menschen glauben, dass ein Thema, das einem mehr oder weniger bewusst ins
Auge sprang, auf einmal omnipräsent ist. Man kann es auch selektive Wahrnehmung nennen, wenn wir beispielsweise
Liebeskummer haben und auf einmal nur noch glückliche Paare sehen. Oder wenn eine Person, nachdem sie einen
positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt, besonders vielen Menschen mit Neugeborenen, Kinderwagen oder
Babybauch begegnet.
Meine aktuelle Frequenzillusion ist das Preis-Leistungs-Verhältnis. Seit mich kürzlich jemand darauf aufmerksam
machte, dass ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis im Emmental ganz besonders geschätzt werde, höre ich die Menschen
an jeder Ecke davon reden. An einer Geburtstagsparty etwa verwendete ein Freund diesen Begriff, als er mir erzählte,
er habe früher an der Jukebox im «Däntsch» immer Songs von Deep Purple gewählt. Die Band ist bekannt für überlange
Instrumentaleskapaden - mit dieser Wahl bekam er definitiv am meisten fürs Geld.
Ein paar Tage später begegnete mir das Preis-Leistungs-Verhältnis im Zusammenhang mit einem Auto. Nicht nur hatte
eine Freundin gerade einen neuen Kleinwagen von einem «sehr attraktiven» Autohändler gekauft; dieser gewährte ihr
auch noch Spezialrabatt und legte spontan ein zusätzliches Jahr Garantie obendrauf. Sie hätten eben ein
Preis-Leistungs-Verhältnis zusammen, witzelte die Freundin.
Während sie den ganzen Abend über ihr Wortspiel lachen konnte, verlor ich mich in einer ernsthaften
Auseinandersetzung mit dem regional so geschätzten Wirtschaftskonzept. Erst einmal fragte ich mich, woran sich ein
gutes Preis-Leistungs-Verhältnis denn misst - wo doch nichts instabiler ist als Preise, nichts relativer als die
Leistung und nichts subjektiver als das Verhältnis zwischen beidem. Ist dieser Begriff nicht einfach eine elegantere
Umschreibung für die Möglichkeit, für möglichst wenig Kohle möglichst viel reinhamstern zu können? Wenn ich an das
All-you-can-eat-Trauma meines Partners denke, der für seine überschätzte Magenleistung im «Han Mongolian Barbecue»
einst mit mehr als nur Geld bezahlte, finde ich es jedenfalls nicht ganz unpassend, in Bezug auf das
Preis-Leistungs-Verhältnis von einer Frequenzillusion zu sprechen. Wie dem auch sei: Ich werde meine Aufmerksamkeit
hoffentlich bald wieder auf die unbezahlbaren Dinge richten können.