Positive Absichten erkennen

Es gibt einen Satz, der mich seit über 20 Jahren beschäftigt, verfolgt und manchmal auch rettet. Gelernt habe ich ihn in den 2000ern in einer Coach-Ausbildung und ich weiss noch genau, wie unser Dozent uns diesen Satz vor den Latz knallte: «Jedes menschliche Handeln geschieht mit einer positiven Absicht!» Wir Schüler fanden das überhaupt nicht lustig und eine heftige Diskussion begann. Und was ist mit dem fiesen Nachbarn? Mit Ex-Frauen und -Männern? Dem Kollegen, der einem die gute Idee geklaut hat? Oder gar mit Betrügern, Dieben, Mördern? Sie alle machen einem das Leben schwer. Von wegen positiv! Doch unser Dozent hielt an dem haarsträubenden Satz fest und präzisierte die Aussage. Er habe nicht gesagt, dass menschliches Handeln immer positive Auswirkungen habe, beileibe nicht. Aber die Absicht sei in weitestem Sinne immer positiv. Nehmen wir mal den fiesen Nachbarn, der ständig an Ihrem Garten rummeckert. Seine positive Absicht könnte sein, dass er mit Ihnen ins Gespräch kommen möchte, aber nicht gelernt hat, das anders zu bewerkstelligen. Oder er ist frustriert über eine ganz andere Sache und lädt diesen Frust bei Ihnen ab. Das Abladen wäre dann seine positive Absicht. Der Kollege, der sich mit fremden Federn schmückt, möchte auch mal beim Chef gut dastehen, weil seine Frau ihn als Versager bezeichnet hat. Mit einem beruflichen Erfolg könnte er das Gegenteil beweisen. Das wäre seine positive Absicht. Rein hypothetisch wohlgemerkt. Sie merken jetzt schon, wie der Satz gemeint ist. Aus der Perspektive des Handelnden wird vieles klarer, wenn auch nicht besser. Dieser Satz ist zuweilen lästig, weil man viel lieber jemanden abstempelt, als sich in seine Schuhe zu stellen und ihn so zu verstehen. Bei kriminellen Handlungen ist der Verständnis-Sack aber zu. Damit sollen sich Kriminal-Psychologen rumschlagen. Doch das Gedankenspiel, sich vorzustellen, warum ein Mitmensch sich so verhält, wie er sich verhält, und welche «positive» Kraft ihn leitet, kann zu mehr Verständnis für seine Mitmenschen führen. Von Hause aus war ich eine Person, die gerne Menschen in irgendwelche Schubladen steckte. Meine Mutter war eine Meisterin darin. Besonders auf Frauen hatte sie es abgesehen. Die eine war ein Flittchen, weil sie ein «uneheliches» Kind hatte, die andere war ein «Mannweib», weil sie beruflich erfolgreich war. Stark geschminkte Frauen waren ordinär und nicht geschminkte graue Mäuse. Ein freundlicher Blick auf Menschen macht das Leben leichter, für die Menschen - und für sich selbst.

08.01.2026 :: Christina Burghagen (cbs)