Mein Stück vom Kuchen

Wieder nicht König geworden! Mist! Nach aussen hin stehe ich da natürlich drüber, aber innerlich fuchst es mich schampar, obwohl doch der Dreikönigstag schon über eine Woche zurückliegt. Heuer habe ich es sicher fünfmal probiert. Königskuchen gab's ja bereits in der Altjahrswoche zu kaufen. Zu Dutzenden wurde das royale Rosinengebäck über die Theken gereicht (respektive über den Self-Checkout-Scanner geschoben). Und jeder Packung lag eine dieser goldigen Kronen bei, was nicht weniger verspricht, als dass wir im Grunde genommen alle Königinnen und Könige werden können. Lüge! Nichts als Augenwischerei! Nicht allen wird diese Ehre zuteil. Es bleibt eine Lotterie. In meinem Fotoalbum klebt eine Abbildung aus meiner Kindheit. Das Bild wurde an einem Dreikönigstag geschossen: Mit stolzem Grinsen sitze ich in der Stube auf der Eckbank. Vor mir auf dem Tisch mein prächtiger, schwarzroter Legolastwagen, ein Weihnachtsgeschenk vom Götti. Auf dem Kopf trage ich die Dreikönigskrone. Lang ist's her. Angesichts meines Alters scheint es unwahrscheinlich, aber wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, war dies das letzte Mal, dass ich Kuchenkönig wurde. Nun bin ich schon eine ganze Weile Untertan. Jahr für Jahr versuche ich mich zu trösten: Was solls, denke ich, die Krone ist mir sowieso zu klein und zu quadratisch ist sie auch, also nichts für meinen Schädel. Immerhin habe ich ein Stück vom Kuchen abbekommen, und erst noch eines ohne eingebackenen Plastikschrott. Manchen geht's weniger feudal. Auch frage ich mich: Wäre ich den Herausforderungen, die sich so einem Herrscher stellen, überhaupt gewachsen? Ich wage das zu bezweifeln. Andererseits, wenn ich manche Figuren in Machtpositionen betrachte, drängt sich mir schon der Eindruck auf, ich wäre nicht der einzige Unfähige... Dabei fällt mir ein: In der Managementliteratur gibt es das Peter-Prinzip. Eine These, wonach Beschäftigte innerhalb einer Hierarchie so lange aufsteigen, bis sie mit ihren Aufgaben überfordert sind. Und auf diesen Posten bleiben sie dann sitzen. Gemäss den Verfassern hat das zur Folge, dass früher oder später sämtliche Positionen von Unfähigen besetzt sind. Ob da wohl etwas dran ist? Zurück zum Kuchen. Was ich täte, wenn ich König wäre? Die Monarchie abschaffen, vielleicht. Nun hat es halt wieder nicht geklappt, also steht uns ein weiteres Jahr unter der Regentschaft x-beliebiger Potentaten bevor. Mögen ein paar halbwegs fähige darunter sein.

15.01.2026 :: Peter Heiniger