Ich gebe es offen und ehrlich zu, ich bin kein Fan von künstlicher Intelligenz, kurz KI genannt. Im Gegenteil, sie
macht mir Angst. Jedes Mal, wenn ich im Internet etwas suche, schaltet sie sich ungefragt ein. Eigentlich ist das
Internet ja nichts anderes als ein digitales Lexikon. Mit dem nicht unwesentlichen Unterschied, dass das
Ablenkungspotenzial deutlich höher ist als beim Blättern im klassischen Lexikon. Trotzdem habe ich mich im Netz
schlau gemacht über die Selbstwahrnehmung und den Hang zu Übertreibungen. KI sagt mir dazu, bei ersterer handle es
sich um «die Fähigkeit, die eigenen Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und Verhaltensweisen zu erkennen, zu
verstehen und zu reflektieren». Und weiter: «Junge Menschen übertreiben oft, weil sie in einer Phase der
Selbstfindung sind und Anerkennung suchen, um bei anderen gut anzukommen oder eine Verbindung herzustellen.»
In den letzten Jahren meiner Tätigkeit als Lehrer hatte ich mit jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren zu tun.
Und dabei habe ich schon die eine oder andere unglaubliche Geschichte zu hören gekriegt. Aber Hand aufs Herz, wer
von uns neigt nicht gelegentlich zu kleineren Übertreibungen oder Schönfärberei? Es ist halt schon noch cool, die
Dinge so darzustellen, wie man sie gerne (gehabt) hätte. Die Steigerungsform dieser meist harmlosen Flunkereien
wären dann wohl die gefährlicheren Fakenews. Diese werden gezielt gestreut, um die öffentliche Meinung zu
manipulieren, Fehlinformationen zu verbreiten oder bestimmte politische, soziale oder wirtschaftliche Ziele zu
verfolgen. Aber
zurück zur harmloseren Form: Neulich war ich mit meiner Liebsten auf der Rückreise von einem Wochenendausflug an
den Lago Maggiore. In Spiez stiegen zwei
junge Männer in den Zug, setzten
sich ins Abteil hinter uns und prahlten lauthals vom Ausgang am Vorabend. Der eine so: «He, das gloubsch itz
nid, geschter hani ire Beiz e Frou lehre kenne, e huere Tube. Won i se nach ihrem Nummero frage, seit si zue
mer: Gib mer dys, i mäude mi de, wenn i daheime bi.» Und nach einer kurzen Kunstpause: «I gloube, di isch
obdachlos.» Meine Partnerin und ich schauten uns amüsiert an und mussten schmunzeln. Dieser junge Mann wusste
zwar haargenau, dass seine plumpe Anmache gescheitert war, die Frau nichts von ihm wissen wollte und ihn eiskalt
hatte abblitzen lassen. Aber die Vorstellung, sie sei obdachlos, fühlt sich definitiv besser an als die
Gewissheit, dass sie ihn ins Leere laufen gelassen hatte.