Der liebe Gott sieht alles! Diese Aussage war früher ein beliebtes Druckmittel in der Kindererziehung. Sei gehorsam,
pass auf, was du tust oder sagst, Gott sieht alles! Wer mit diesem Gottesbild der himmlischen Kontrollinstanz
aufgewachsen ist, hat oftmals die ablehnende Haltung entwickelt: «Gott – nein danke!» Umso erstaunlicher ist es,
dass in 1. Mose 16.13 eine Frau voller Begeisterung ruft: «Du bist ein Gott, der mich sieht!» Hagar, so hiess diese
Frau, war nach vielen Demütigungen von zu Hause weggelaufen. Jetzt sass sie mit ihrem kleinen Sohn in der Wüste an
einem Brunnen. In ihrer grossen Verzweiflung begegnete ihr dort der lebendige Gott. Bei den Menschen, sogar in ihrer
eigenen
Familie, hatte sie kein Ansehen. Doch Gott sah sie an! Er sah sie in ihrer ganzen Not und
Hoffnungslosigkeit.
Ganz anders die Situation im Paradies. Nachdem die ersten Menschen von der verbotenen Frucht gegessen hatten, rief
Gott Adam beim Namen. Dieser versuchte, sich vor Gott zu verstecken. Der Gedanke, dass Gott ihn sieht, war für Adam
unerträglich geworden. Dabei war es nicht Gott, der sich verändert hatte. Weil sie schuldig geworden waren, fühlten
sich Adam und Eva auf einmal nackt. Sie begannen, die Schuld von sich wegzuschieben. «Die Frau, die du mir gegeben
hast, hat gesagt, ich solle von der Frucht essen!», rechtfertigte sich Adam. Eva
ihrerseits schob die Schuld auf
die Schlange, weil diese sie verführt hätte. Seither wiederholen sich die Geschichten von Hagar, Adam und Eva
millionenfach. Das Kind auf der Rutschbahn ruft seiner Mutter begeistert zu: «Schau, was ich kann!» Wenn das gleiche
Kind beim unerlaubten Naschen erwischt wird, verdeckt es sein Gesicht mit den Händen und ist überzeugt: «Du siehst
mich nicht!» Falls doch, erklärt es: «Mein Bruder hat ebenfalls genascht!» Wie geht
es Ihnen, liebe Leserin,
lieber Leser beim Gedanken, dass Gott alles sieht?