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Die Hunderternote

«Nun sei einmal ganz ehrlich», sagte Edi, mein kritischer Freund, zu mir. «Ihr in der Kirche, ihr glaubt ja Dinge, die von der Wissenschaft längst widerlegt oder doch ziemlich unwahrscheinlich sind.» – «Klar, aber was willst du damit sagen?», gab ich zur Antwort und freute mich auf eine anregende Diskussion. «Wie kannst du das den Leuten antun mit gutem Gewissen? Wie kannst du den Leuten predigen, Jesus sei auferstanden, wenn du das selber gar nicht glaubst? Oder glaubst du es?» – «Ich weiss es nicht. Es kann so gut sein wie nicht sein, das kann ich nicht überprüfen. Aber darum geht es nicht», sagte ich. «Es geht darum, heute noch an ein Wunder zu glauben. Das hilft oft aus der Lethargie heraus.» – «Dann darf man jede Lüge erzählen, wenn es positive Auswirkungen auf die Psyche hat? Da machst du ja den Leuten etwas vor!» – «Das würde ich so nicht sagen», gab ich zurück. «Wir erfinden keine Lügen, wir finden nur Antworten, die jahrtausendelang geholfen haben, auch wenn sie heute für viele überholt sind. Aber sag mir einmal, was du mit einer Hunderternote in der Hand hast!» – «Hundert Franken – oder genauer: Eine Urkunde im Wert von 100 Franken.» – «Und wer garantiert das? Die Banknote hat gerade einmal 40 Rappen gekostet. Da kann die Nationalbank ja endlos Noten drucken!» – «Das macht sie aber nicht, weil sie das Vertrauen der Bürger missbrauchen würde.» – «Woher weisst du das?» – «Der Staat garantiert das.» – «Und wenn der Staat lügt?» – «Der darf uns nicht anlügen. Die schauen schon in Bern, dass da nicht gemogelt wird.» Und ich sagte: «Siehst du, nicht einmal die Wirtschaft funktioniert, ohne dass man an etwas glaubt – an den Wert des Geldes zum Beispiel. Wie sollte ich als Mensch funktionieren ohne den Glauben an Dinge, die man nicht beweisen kann?» Und als Edi nichts mehr sagte, dachte ich: «1:0 für mich!» 



17.05.2018 :: Samuel Burger, reformierter Pfarrer, Konolfingen
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