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Eine runde Sache – trotz ­Diabetes
Eine runde Sache – trotz ­Diabetes ­Diabetes:

Seit Anfang Jahr treffen sich in Langnau Menschen, um ihre Erfahrungen mit Diabetes auszutauschen. Was nach schwerer Kost klingt, entpuppt sich als geselliger Abend. 

«Wie macht ihrs mit den Süssgetränken?» – «Also ich trinke ab und zu Rivella blau, verdünne es aber mit viel Wasser. Ohne Wasser schmeckt das mir eh zu süss.» 

So funktioniert die Gruppe, die sich vergangenen Donnerstag im Langnauer Kirchgemeindehaus getroffen hat. Ein Dutzend Menschen unterschiedlichen Alters hat sich eingefunden – ihr gemeinsamer Nenner ist Diabetes. Die chronische Krankheit betrifft die gestörte Kontrolle des Blutzuckerspiegels und hat verschiedenste Ausprägungen (siehe Kasten). Am Tisch sitzen Leute, welche schon seit über 30 Jahren mit Diabetes leben, andere sind noch daran, den Schock der Diagnose zu verdauen. 

«Zuckerfrei» ist kein Freipass 

Was man als Nahrung verdaut, ist bei dieser Krankheit zentral, insbesondere die Kohlenhydrate. Denn nicht nur zuckerhaltige Lebensmittel wie Gummibärchen, Schokolade oder Süssgetränke lassen den Blutzucker in die Höhe schnellen, sondern auch Früchte, die meisten Milchprodukte oder auch Kartoffeln, Brot, Teigwaren, Reis, Mais… 

Heidi Lüthi von der Berner Diabetes Gesellschaft, welche die Treffen in Langnau leitet, hat für den heutigen Abend eine Fachperson eingeladen: Die Ernährungsberaterin Claudia Berger vom Regionalspital Emmental. Sie wird sofort mit Fragen eingedeckt: «Was heisst eigentlich zuckerfrei?» – «Zuckerfrei heisst nicht zwingend ‹ohne Kohlenhydrate›», erklärt sie. «Beispielsweise bei Lutschtabletten und Hustenbonbons muss man aufpassen. Dort ist zwar kein Zucker drin, aber so genannte Zuckeraustauschstoffe wie Xylit oder Erytrhit. Diese enthalten Kohlenhydrate und wirken sich auf den Blutzuckerspiegel aus.» 

Wissendes Nicken ist in der Runde zu sehen, aber auch Bemerkungen wie «das habe ich mir bei der Aufschrift ‹zuckerfrei› noch gar nie überlegt» ist in der Gruppe zu vernehmen. Weil die Teilnehmer des Abends über unterschiedlich grosse Erfahrungen verfügen, können sie besonders voneinander profitieren. «Die Gruppe in Langnau ist erfreulich gewachsen und funktioniert sehr gut», erklärt Heidi Lüthi. «Alle Teilnehmer merken: Ich stehe nicht alleine da.» Ein Leitsatz der Abende lautet denn auch: «Wir sind zusammen unterwegs». 

Auf Augenhöhe diskutieren 

Die Gespräche in der Gruppe hätten auch den Vorteil, dass man auf Augenhöhe und ganz praktisch diskutieren könne. «Nach zig Terminen bei Fachärzten tut es gut, mal mit jemandem zu sprechen, der Diabetes auch in seinem Alltag managen muss», erklärt Heidi Lüthi, welche selber nicht von Diabetes betroffen ist. Durch eine Erkrankung innerhalb der Familie wurde Diabetes vor einigen Jahren aber von einem Tag auf den andern zum Thema. Im Alltag würden sich immer wieder neue, ganz praktische Fragen stellen. Zwei Beispiele gefällig? Insulin darf nicht gefrieren – wie handhabt man das beim Wintersport? Wie viele Kohlenhydrate stecken in der Lasagne, die mir im Restaurant serviert wird? An was muss der insulinpflichtiger Diabetiker vor einer Operation denken? Heidi Lüthi eignete sich viel Wissen an und arbeitet in einem Teilpensum seit einigen Jahren für die Berner Diabetes Gesellschaft. Dabei hat sie nicht nur in Langnau, sondern auch in Burgdorf, Bern und Interlaken Gruppen ins Leben gerufen. In Langnau hat sich bereits so etwas wie ein harter Kern gebildet. Die meisten sind durch Mund-zu-Mund-Werbung auf die Treffen aufmerksam geworden. Trotz des ernsten Hintergrundes ist die Stimmung gut, es wird viel gelacht. «Ich wäge ja nun alle Kohlenhydrate ab und habe mir extra eine neue Waage angeschafft», berichtet eine Frau. «Aber nichts funktionierte – sie hatte keine Batterie drin!» 

Vieles wird leichter, aber nicht alles 

Der technische Fortschritt bringt für Diabetes-Betroffene vielerlei Erleichterungen. Der Bericht einer Frau, welche seit über 30 Jahren von der Krankheit betroffen ist, sorgt in der Gruppe für das eine oder andere Schmunzeln. «Den Blutzuckerwert musste ich in den Anfängen im Urin bestimmen. In einem Glas wurde dem Urin eine Tablette beigefügt und dann verfärbte sich die Flüssigkeit. Anhand der Farbe konnte man ermitteln, welchen Wert man hat – oder besser gesagt, hatte. Denn die Messung funktionierte mit einer Verzögerung von rund zwei Stunden!» Die Frauen und Männer der Gruppe können ihren Blutzuckerwert entweder permanent dank einer Messsonde am Oberarm ablesen oder haben ein Messgerät dabei, bei dem sie den aktuellen Wert mit einem Tropfen Blut ermitteln können. 

Diabetes ist nicht gleich Diabetes und jeder Mensch ist ein Individuum. Deshalb unterscheiden sich die Behandlungsmethoden sehr stark. Manche nehmen Tabletten, andere spritzen sich einmal täglich Insulin, wieder andere zusätzlich ein kürzer wirksames, anderes Insulin zu jeder Mahlzeit. «Man kann auch nicht alle Faktoren beeinflussen», hat eine Angehörige eines Diabetikers die Erfahrung gemacht. «Man kann ein Menü immer wieder exakt gleich kochen, die Auswirkung ist aber nicht immer dieselbe.» – «Genau, da spielt auch die Psyche eine Rolle oder wie viel Stress man im Leben gerade hat», fügt eine Frau an und eine weitere Teilnehmerin ergänzt: «Wenn der Körper noch mit einer anderen Krankheit, beispielsweise eine Magen-Darm-Grippe, beschäftigt ist, gerät eh vieles durcheinander.»  

Vertrauen schaffen

Patienten, die seit Jahren von Diabetes Typ 2 betroffen sind, berichten Heidi Lüthi oft, dass der Besuch bei der Ernährungsberatung oder regelmässige Termine bei der Diabetesberatung nicht unbedingt Priorität haben oder dass der Hausarzt nicht darauf aufmerksam mache. «Hier kann die Gruppe gute Dienste leisten, motivieren und Brücken zu Fachpersonen bauen wie beispielsweise heute mit der Ernährungsberaterin. Man lernt sich kennen, das schafft Vertrauen und stärkt die Selbstwirksamkeit.» 

Innerhalb der Erfahrungs-Gruppe in Langnau ist man sich einig, dass man sich auch im kommenden Jahr wieder versammeln will. Erste Daten werden noch am Abend vereinbart. 

Berner Diabetes-Gesellschaft: www.diabetesbern.ch Heidi Lüthi (luethi@diabetesbern.ch, Tel. 056 200 17 90) 


06.12.2018 ::
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