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Freitag, 3. September 2010  
         
  Dreharbeiten für den Spielfilm «Verdingbub»
TRUB: Ein trauriges Kapitel Schweizer Geschichte in einem Spielfilm

02.09.2010 Der Film «Verdingbub» nimmt ein trauriges Kapitel der Schweizer Geschichte auf. Die Hauptakteure Max und Berteli teilen ein gleiches Schicksal, nicht aber dasselbe Ende. Gedreht wird der Kinofilm diesen Herbst in Trub.

Silvia Ben el Warda-Wullschläger

 Die Geschichte von Max (siehe Kasten) ist erfunden, sie hätte sich aber genau so abspielen können. Dessen ist sich Produzent Peter Reichenbach von C-Films sicher. Seit Jahren schon beschäftigt er sich zusammen mit dem Drehbuchautor Plinio Bachmann mit der Thematik von Verdingkindern, hat viel recherchiert und mit Betroffenen gesprochen. Das Gelesene und Gehörte machten ihn betroffen. «Ich sehe es als Aufgabe, ja sogar als Pflicht des Schweizer Films, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen, auch oder gerade wenn diese nicht so erfreulich ist.» Peter Reichenbach nennt als Beispiele «Das Boot ist voll» und «Anna Göldin». «Obwohl Komödien sicher leichter daher kommen, dürfen wir uns nicht vor den schwierigen Themen drücken», betont der Produzent unter anderen von «Mein Name ist Eugen» und «Grounding».
Auch heute noch aktuell
Das Thema «Verdingkinder» wurde zwar in Büchern und Dokumentarfilmen schon ausführlich behandelt, ein Spielfilm existiere aber noch nicht. Dieser biete den Vorzug, besonders stark Emotionen zu erzeugen und ermögliche es, sich mit den Protagonisten zu identifizieren, betont Reichenbach. Damit könne man die Zuschauer aufrütteln und zum Nachdenken anregen. Das sei ein Ziel des Films. «Die Illusion, mit Theater oder Film die Welt zu verbessern, habe ich nicht, den Anspruch, dass sich die Leute mit der Geschichte beschäftigen, aber schon.» Er ist überzeugt, dass uns die Schicksale der Verdingkinder auch heute noch etwas angehen. «Überall dort, wo Menschen unkontrolliert Macht über andere ausüben, treten solche Misstände auf. Sobald Menschen in verschiedene Klassen eingeteilt werden, läuft etwas schief.» Als Beispiel nennt der Produzent junge Mädchen aus Osteuropa, die auch bei uns zur Prostitution gezwungen werden.
Zwischentöne haben Platz
Obwohl die Geschichte der Verdingkinder traurig ist, legt Peter Reichenbach Wert darauf, nicht 100 Minuten lang auf die Tränendrüsen zu drücken. «Max strahlt eine grosse Lebensfreude und Kraft aus, sonst wäre der Film nicht erträglich.» Es gebe auch komische Situationen, über die der Zuschauer lachen könnte. Ihm ist es aber auch wichtig, die anderen Figuren, vorab der Bauer Bösiger und seine Frau, differenziert darzustellen. «Ich möchte aufzeigen, warum sie zu Tätern wurden. Da kommen existenzielle Sorgen, eine unglückliche Ehe und Enttäuschungen zusammen. Sie führen zur Abstumpfung, Verrohung und in den Alkohol.» Damals habe es noch keine Wörter wie Stress oder Burnout gegeben, doch viele Menschen hätten genau daran gelitten. Wenig Verständnis zeigt Peter Reichenbach für die Behörden und die Kirche. Die Aufsicht und Kontrolle sei schlicht nicht wahrgenommen worden. «Die Kinder waren sich selbst überlassen, sie waren Freiwild und von der Gesellschaft unbeachtet.» Viele sind daran zerbrochen, nicht so Max, der sich im Film aufmacht zu einem neuen Leben.
In Trub fündig geworden
Dass der Film ausgerechnet in Trub gedreht wird, bezeichnet Peter Reichenbach als Zufall. Trub oder das Emmental werden in der Geschichte auch nicht erwähnt. Ausschlaggebend war vielmehr die Natur, die Abgeschiedenheit und das Haus, das sie nach langem Suchen im Twärengraben gefunden haben. «Weil es nicht bewohnt ist, können wir ungestört arbeiten.» Seit knapp zwei Monaten sind Handwerker daran, das Haus auf 50er Jahre zu trimmen. Fenster werden ausgewechselt, Plättli entfernt, Wände versetzt, Küchenutensilien und Möbel aus dieser Zeit aufgetrieben. Dabei kann das Team auf die Mithilfe des Hausbesitzers, Fritz Kobel, und der Bevölkerung zählen. «Hier zählt ein Handschlag noch, das ist eine tolle Erfahrung», sagt der Zürcher Filmproduzent.
Die Dreharbeiten dauern vom 22. September bis zum 6. November. Gefilmt wird vor allem im Bauernhaus, im alten Schulhaus Twären und in Trub. In den Kinos wird «Verdingbub» in einem Jahr anlaufen.

Der Film
Der Waisenjunge Max wird zur Familie Bösiger auf die Dunkelmatte verdingt. Hier wird er von seinen Pflegeeltern wie ein Arbeitstier behandelt und von deren Sohn Jakob gedemütigt. Das Handorgelspiel ist das einzge, was ihm niemand nehmen kann. Es zieht sich durch den ganzen Film und drückt die Lebensfreude und den Mut von Max aus. Zusammen mit seiner Leidensgenossin, Berteli, träumt der 16-jährige Junge sich nach Argentinien, in eine Fantasiewelt. Es gelingt ihm, Berteli inmitten des elenden Alltags so etwas wie Geborgenheit zu vermitteln. Die neue Lehrerin aus der Stadt setzt sich zwar für die beiden Kinder ein, muss aber ihren Kampf gegen die wegschauende Dorfverwaltung aufgeben. Berteli stirbt schliesslich an einer Abtreibung. Doch Max gibt nicht auf. Er schafft die Flucht und macht sich zusammen mit seiner Handorgel auf, seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.




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