Der ungefähr 145-jährige, 25 Meter hohe Berg-Ahorn «Relief» im Änzigrund in Fankhaus hat bereits einen Paten. / Bild: zvg
Trub: Nun kann man in Fankhaus Patin oder Pate werden – von Rotbuche, Weisstanne und Bergahorn. Die Bäume werden vertraglich geschützt und die Eigentümer entschädigt.
«Wenn ein Baum älter werden darf dank dir», wirbt der Verein «Deinbaum» für sein Projekt. Er bietet Patenschaften an - für Waldbäume. Auch in Fankhaus, Gemeinde Trub, kann man ab sofort Gotte oder Götti werden. Die Bäume mit klingenden Namen wie «Vogel-Podium», «Grünpelz» oder «Zwergenhöhle», entsprechend ihrem Erscheinungsbild, sind die ersten Kandidaten im Emmental. Die Waldeigentümerschaft habe sich bereit erklärt, die ausgewählten Bäume für mindestens 99 Jahre nicht zu fällen, erklärt Umweltwissenschaftler Dominik Scheibler, Mitinitiant von Deinbaum. Die 15 Bäume in Fankhaus gehören nun zu den über 1300 in der ganzen Schweiz verteilten Patenbäumen.
Rast- und Rückzugsorte
Das Waldstück in Fankhaus gehört Beat Reber. Die Auswahl der Bäume hat er selber getroffen. Sein Wald liegt auf etwa 1000 bis 1200 Metern über Meer, erzählt Reber. Es sei ihm ein grosses Anliegen, ihn regelmässig und sorgfältig zu pflegen, damit er vital und widerstandsfähig für die Zukunft bleibe. «In einem bewirtschafteten Wald ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, einzelne Habitatbäume stehen zu lassen», sagt Reber. Deshalb habe er sich entschieden, bei dem Projekt mitzumachen. Habitat- oder Biotopbäume sind lebende oder abgestorbene Bäume, die wertvolle Lebensräume für Tiere, Pflanzen und Pilze bieten, erklärt Reber weiter. Sie besitzen Strukturen, die in bewirtschafteten Wäldern oft selten geworden und für viele Arten entscheidend sind. Das können Höhlen, Risse und Spalten, Totholzanteile, ein besonders dicker Stamm, grosse Baumpilze, Flechtenbewuchs oder Harzaustritte sein. Aus diesem Grund hat Reber sich bei Deinbaum gemeldet: «Ich möchte sicherstellen, dass diese wertvollen Habitatbäume langfristig erhalten bleiben. Sie werden bis zu ihrem natürlichen Zerfall stehen gelassen.» Mit einer Baumpatenschaft leiste man so einen wichtigen Beitrag zum Er-halt der Biodiversität und zur Zukunft unseres Waldes, betont er. Im Unterschied zum Waldreservat gehe es bei den Habitatbäumen um Einzelschutz im Wirtschaftswald, erklärt Andreas Schweizer, Revierförster von Trub: «Dieser Einzelschutz ist wichtig, zum Beispiel als Trittstein für Vögel.» Diese können die Bäume als Rast- und Rückzugsorte nutzen und dadurch zwischen grösseren Schutzgebieten wandern. Neben seiner Funktion als Lebensraum für Bakterien, Insekten, Vögel, Fledermäuse, Eichhörnchen und vielen anderen, schreibt Deinbaum, könne ein alter Baum auch ein Ort der Erinnerung sein und von früher erzählen. Zweifelsohne; wer von uns hatte als Kind nicht einen Lieblingskletterbaum oder erinnert sich an den ersten Kuss auf einem Bänklein unter einer Linde?
Nur ein Viertel der Lebenserwartung
Meistens hat ein Baum zum Zeitpunkt der Nutzung ein Alter, das nur etwa einem Viertel seiner Lebenserwartung entspricht, so Deinbaum. «Die wirtschaftliche Nutzung eines Baumes erfolgt zum optimalen Zeitpunkt bezüglich Durchmesser und Wachstumsgeschwindigkeit.» Für das Patenbaum-Projekt werden, bis auf wenige Ausnahmen von seltenen Baumarten, hiebsreife Bäume ausgewählt. Je nach Waldeigentümer wären diese Bäume sehr wahrscheinlich in den kommenden Jahren genutzt worden, sagt Umweltwissenschaftler Scheibler. Online kann man sich über eine Bildergalerie einen Baum aussuchen und für fünf Jahre eine Patenschaft abschliessen; danach kann sie verlängert werden. Für 120 Franken kann so ein bestimmter Baum fünf Jahre vor wirtschaftlicher Nutzung geschützt werden. Der jeweilige Waldbesitzer bekommt vollumfänglich das Geld der Patenschaft und stoppt dafür die Nutzung. Da die Verträge über 99 Jahre abgeschlossen werden, soll der Erhalt der Bäume auch über die Lebenszeit des Waldeigentümers hinaus eine Wirkung haben. Umgekehrt besteht der Schutz auch über die Lebenszeit der Bäume hinaus. Das heisst, man darf die Bäume nicht verwerten, auch nicht, wenn sie gefallen sind, erklärt Revierförster Schweizer.
Auch Kanton spricht Beiträge
Auch der Kanton schützt seit 2020 Habitatbäume, ebenfalls mit Verträgen über die Lebenszeit hinaus, und spricht dafür Förderbeiträge. Die Anforderungen seien jedoch anders, erklärt Schweizer. Deshalb sei es sinnvoll, dass es zusätzlich private Organisationen wie Deinbaum gebe. Werden Biotop-Bäume nicht sowieso erhalten? Nein, das sei nicht der Normalfall, meint Mitinitiant Scheibler. Der grosse Teil der Waldwirtschaft ziele in erster Linie auf die Nutzung des Waldes ab und berücksichtige die Biotopbäume höchstens in tieferer Priorität. Wie die Daten aus dem Landesforstinventar zeigen würden, mangele es an alten und dicken Bäumen, am meisten im Mittelland.
Oft ein symbolisches Geschenk
Das Projekt Deinbaum besteht seit zwölf Jahren und wurde von Dominik Scheibler zusammen mit dem Förster Stefan Burch ins Leben gerufen. Sie hätten etwas gegen den Mangel an alten Bäumen in den Wäldern tun wollen, und seien schlicht fasziniert von den «Monumenten», «erstaunlichen Kreaturen» und «Grossvätern von Bäumen». Deinbaum ist eine Nonprofit-Organisation und finanziert sich über Spendengelder - hauptsächlich von Stiftungen. Einige Eigentümer seien gleich selber Pate ihrer Bäume geworden. Dass die Patinnen ihren Baum besuchen, komme zwar vor, doch längst nicht alle, meint Scheibler. Die Patenschaften würden bis ins Ausland verkauft und oft auch als symbolisches Geschenk verwendet. Ob die Aktion auf weitere Wälder in Emmental und Entlebuch ausgeweitet werden wird, sei noch unklar, da der Ansatz komplett auf Freiwilligkeit beruht.